Verfluchte Waage


Cassandra ist zu dick! Diese Aussage unserer Trainerin hat mich wie ein Steinschlag getroffen. Cassandra hat schon immer eine sportliche Figur gehabt und wurde auf dem Hundeplatz wegen ihrer Schlankheit bewundert. Beim letzten Besuch in der Hundeschule kam es voll unerwartet zu einem bösen Erwachen. Das Gewicht von Kassandra ist von 34 auf 37 kg geklettert. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Natürlich gibt es viele Gründe und Ausreden für diese traurige Tatsache. Aber sie werden das Gewicht von Cassandra nicht reduzieren. Man muss drastische Maßnahmen setzen. Eine Diät ist angesagt. Wer einmal versucht hat abzunehmen, der weiß, wie schwer es durchzuführen ist. Und es ist doppelt so schwer bei einem Kind eine Gewichtsreduktion zu erreichen. Man kann ihm nicht erklären warum es jetzt hungern muss und nicht mehr so viel kriegt wie vorher. Genauso geht es mit einem Hund, sogar noch komplizierter. Es ist unmöglich dem Hund begreiflich zu machen, dass die Kürzung der Futterportion für seine Gesundheit gemacht wurde und nicht, weil er wegen etwas bestraft wird. Wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken und übertrage das menschliches Verhalten auf den Hund. Aber wenn ich höre wie Cassandra ihren Fressnapf über den Fußboden schiebt um vergeblichen zu versuchen, die letzten Moleküle Futter abzuschlecken, bleibt mir selbst das Essen im Hals stecken.
2 Monate sind vergangen. Cassandra hat sich langsam an die kleineren Portionen gewöhnt. Und ich glaube sie hat schon ganz gut abgenommen, oder bilde ich mir nur das nur ein. Heute fahren wir zum Tierarzt, um Cassandras Gewicht zu kontrollieren. Beim Arzt führt sie den üblichen Zirkus auf. Sie will nicht auf die Waage. Wenn die Vorderpfoten richtig stehen, dann bleiben die Hinteren noch am Fußboden, oder umgekehrt. Sie will nicht ruhig stehen bleiben und die Waageanzeige springt hin und her. Mit jeder Menge Leckerli und bei der tatkräftigen Unterstützung von drei Personen steht das Gewicht endlich Fest – 40 kg. Zu sagen, dass ich entsetzt bin ist eine starke Untertreibung. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie könnte es passieren, dass Cassandra bei einer verminderten Futterration zugenommen hat? Ich brauche dringend eine andere Waage um selbst das Gewicht von Cassandra kontrollieren zu können. Ich habe schon früher immer wieder mit den Gedanken gespielt, wo man Cassandra abwiegen könnte. Jedes Mal zum Arzt zu fahren ist zu weit und unbequem. Meine Personenwaage ist kleinformatig, dort werden vielleicht nur zwei Pfoten von Cassandra passen. Im Lagerhaus ist die Waage groß genug aber nicht genau. Auf der Post ist die Waage genug groß und genau, aber man kann Cassandra sehr schwer als ein Packet deklarieren. Wäre sie ein kleiner Hund, dann könnte ich ihn in auf den Arm nehmen und zuerst uns zusammen abwiegen und dann mein eigenes Gewicht abziehen. Cassandra ist für mich leider zu groß und eindeutig zu schwer. Vielleicht kann mir mein Assistent Edwin helfen. Er ist doch ein stattlicher und kräftiger Mann. Die Idee ist nicht so schlecht, meint er. Aber Cassandra wird sich wahrscheinlich heftig wehren gegen diese zweifelhafte Ehre ein Baby in seinen Armen zu spielen. Kraft dafür hat sie genug. Aber ein Versuch ist es doch immer wert. Alles ist bereit: Meine sprechende Waage, ein Haufen Leckerli für Cassandra, selbst Cassandra, die um uns herum aufgeregt tanzt. Sie klopft kräftig mit ihrer Rute gegen meine Beine und Möbelstücke, was wie ein Indianer Tam-Tam vor der Kriegserklärung klingt. Ihre Schnauze stups ständig an meiner Hand an. Cassandra zeigt mit ihrem ganzen Wesen, dass sie hier alles sehr interessant findet insbesondere jene schmackhaften Sachen, die eindeutig für sie vorbereitet sind. Es ist so weit. Die eingeschaltete Waage verkündet höflich mit einer angenehmen weiblichen Stimme: „Hallo! Ich bin bereit-„.“ Edwin steigt auf die Waage, die sofort sein Gewicht offenbart. Ich bin beeindruckt. Er steigt ab. Ich locke Cassandra zu ihm an. Jetzt wird es spannend. Edwin umarmt sie fest und hebt sie entschlossen in die Höhe. Cassandra scheint verblüfft zu sein, aber lässt es ruhig über sich ergehen. Edwin steigt wieder auf die Waage. Die Sekunden verstreichen, keine Gewichtsansage. Ist die Waage von diesem Trick sprachlos geworden oder protestiert sie einfach gegen die doppelte Belastung? Endlich kommt eine fröhliche Ansage: „Auf Wiedersehen!“ Wir versuchen noch einmal. die Waage schweigt wie ein Partisan und weigert sich hartnäckig uns das gesamte Gewicht zu verraten. Sie verfügt auch über eine digitale Anzeige. Ich bin blind und kann sie nicht ablesen. Cassandra könnte sie theoretisch ablesen, aber sie kann nicht sprechen. Edwin kann sehen, aber kann trotzdem die Anzeige nicht ablesen, weil Kassandra in seinen Armen das Anzeigefeld verdeckt. Was tun? Die Stresssituationen fördern ungemein die Gehirnleistung. Wie meine russische Freundin immer zu sagen pflegt: Für jede aussichtlose Situation gibt es mindestens zwei Lösungen. Und das stimmt.
Ich schlage vor selbst Cassandra zu halten. Edwin fällt mir ins Wort und setzt fort: „und dann dich gleich in das Krankenhaus mit einem neuen Bandscheibenvorfall fahren. Nein. Danke.“ Wir diskutieren noch ein bisschen und dann einigen wir uns auf eine Halblösung (wie immer in Österreich). Ich stehe auf der Waage, gehe dann in der Hocke, umklammere Cassandra, Edwin schiebt seine Hände über meine und gemeinsam heben wir Cassandra. Dann lässt er uns frei. Ich muss Cassandra nur ein paar Sekunden halten bis die Waage anspringt. Meine Arme wollen aber nicht mitspielen und halten diese Last nicht aus. Cassandra beginnt langsam nach unten zu rutschen. Vor Anstrengung kann ich nur flüstern: „Nimm sie weg, schnell, nimm sie weg.“ Gott sei Dank reagiert Edwin blitzschnell, übernimmt Cassandra und stellt sie vorsichtig auf den Fußboden. Nach noch einem Leckerli ist sie bereit sofort weiterzumachen. Ich war aber mit meinem Latein zu Ende.
Dann hat Edwin noch eine Idee. Er nimmt sein Handy, schaltet die Videoaufnahme an und übergibt es mir. Ich knie vor der Waage, stütze mich auf die Unterarme, mein Po geht entsprechend nach oben. Cassandra identifiziert sofort diese Körperstellung als Aufforderung zum Spielen und macht mich nach. Ein Bild für Götter. Ich strecke endlich meine Hand mit dem Handy heraus. Edwin positioniert sie richtig vor der Waage. Weiter geht es mit der schon fast üblichen Prozedur. Er nimmt Cassandra auf den Arm und steigt auf die Waage. Schnitt. Die Aufnahme ist im Kasten. In diesem Augenblick hören wir die unerschütterlich höfliche Stimme der Waage, die uns gleichgültig die Gewichtsangabe mitteilt. Und ich teile meiner Waage genauso einwandfrei höflich mit, dass wenn sie nächstes Mal auch so spinnt, sie aus dem Fenster geworfen wird, oder noch besser auf die einzelnen Bestandteile demontiert wird, um rauszufinden, wo ihr blöder Charakter versteckt ist und dann erst recht weggeworfen wird. Die Waage schweigt betreten. Ich hoffe sie hat alles begriffen.
Fazit aus der Geschichte. Ich habe jetzt das Gewicht von Cassandra. Sie hat nicht zugenommen, sondern fast ein halbes Kilo abgenommen. Das heißt sie muss weiter eine Diät halten, was für einen Retriever eine schwere Aufgabe ist. Aber zusammen werden wir das schon schaffen! Wie man ihr Gewicht kontrollieren kann, wissen wir schon.