Betrunkene Kirsche

Ich wohne in einem Mehrparteienhaus. Auf unserer Etage gibt es nur zwei Wohnungen: meine und eine gegenüberliegende Wohnung von einem jungen Pärchen. Sie sind beide sehr nette Menschen und wir verstehen uns ganz gut. Leider kracht es manchmal in der jungen Familie. Und dann kommt sie oder er, um sich bei mir auszuweinen und sich zu beklagen. Jugend, Jugend! Sie müssen noch viel lernen, wie man mit einander umgeht. Zeit dafür haben sie noch.
Vor einer Woche kriselte es wieder einmal sehr heftig. Sie musste dienstlich weg fahren. War das vielleicht der Grund für den Streit? Danach sah er sehr betrübt aus und huschte mit einer schuldbewussten Miene vorbei. Jetzt entschließt er sich plötzlich sie bei ihrer Ankunft positiv zu überraschen. So zu sagen eine Entschuldigung in Form von guten Taten. Um Ideen einzuholen, kommt er zu mir. Unsere Krisensitzung dauert lange. Schmuck, ein neues Auto oder ein Wochenende in Miami wurden als unpersönlich und fantasielos sofort ausgelassen. Alle elektronischen Gadgets wie Ipod oder Iphone waren leider schon früher zum Einsatz gekommen. Endlich sind wir einig: eine aufgeräumte Wohnung, ein vorbereitetes Abendessen und als Krönung – eine selbst gemachte Torte. Er wollte unbedingt zeigen, dass er für sie über seine eigenen Grenzen springen kann. Ich gab ihm das Rezept für „Betrunkene Kirschen“. Die Torte ist leicht zu machen und enthält eine große Menge mit Likör oder Cognac gesättigten Kirschen. Ich hatte ihn nicht ohne einen Hintergedanken gewählt. Kleine Mengen von Alkohol lassen die Hemmungen verschwinden und entspannen die Atmosphäre. Der Mann hat gesagt, der Mann hat gemacht. Er hat alles rechtzeitig geschafft, natürlich nicht ohne kleine Katastrophen, wie kaputt gegangene Tassen und Teller, ein verbranntes Geschirrtuch und eine am Boden gelandete Torte. Aber der Mann zeigte wirklich echte Qualitäten. Er fegte die Scherben weg, kaufte ein paar neue Teller und Tassen in einem interessanten modernen Design und machte eine zweite Torte. Zum Glück können die Männer nicht in kleinen Mengen kaufen und alle notwendigen Zutaten waren in zwei, dreifacher Menge noch zu Hause vorhanden. Ich öffne gerade meine Tür, um im Stiegenhaus ein bisschen aufzuräumen, als er auch aus der Wohnung herauskommt mit einem Mistkübel voller Scherben und anderen Spuren von seiner Misswirtschaft einschließlich kläglichen Resten von der ersten Torte, die bildhübsch ganz oben im Mistkübel liegen.
Er bittet mich sofort seine Wohnung zu inspizieren. Die Zeit ist schon knapp. Sie muss bald ankommen. Wir gehen rein. Die Wohnung riecht nach Sauberkeit und Blumen. „Es ist alles in voller Ordnung“, beruhige ich ihn. Er läuft noch schnell seinen Mistkübel zu entleeren und ich kann mich endlich meinen eigenen Verpflichtungen widmen, wische den Fußboden vor den Wohnungen noch sauber ab und gehe dann mit Cassandra Gassi.
Der Hund benimmt sich heute verdächtig ruhig. Wie ein Kind, das etwas angestellt hat, versucht sie durch ihr anständiges Benehmen jeden Verdacht von sich abzuweisen. Wir machen einen langen, ganz gemütlichen Spaziergang und gehen dann nach Hause. Hinter der Nachtbartür hört man schon leise Musik und Lachen. Ich nehme an, die Kirschen haben ihre Wirkung nicht verfehlt und die Versöhnung ist voll im Gang .Zu Hause finde ich keine Spuren vom vermutlichen Unfug meines Hundes und gehe beruhigt schlafen.

 


Die Nacht. Cassandra schnarcht in ihrem Körbchen neben meinem Bett. Alles ist ruhig und friedlich. Es war nicht immer so. Die erste Phase der Eingewöhnung war schlimm für uns beide. Der Blindenführhund kommt schon als ein erwachsener Hund und nicht als Welpe zu einem blinden Menschen. Für den Hund ändert sich alles: Umgebung, Lebensstil, Bezugsperson. Er muss sich in einem neue Rudel seinen Platz finden. Mit einem Wort – Stress pur. Es war nicht leicht für Cassandra und für mich auch nicht. Wie kann man einen Kontakt mit einem Hund knüpfen? In erste Linie durch viel streicheln. Und mein Hund erlaubte mir das nicht. Bei jedem Annäherungsversuch meinerseits machte Cassandra ein Unterwerfungslackerl und sprang weg. Dabei arbeitete sie draußen auf der Straße problemlos und führte mich ordentlich und sicher. Zu Hause aber wollte Cassandra von mir nichts wissen und versteckte sich immer in ihrer Box. Unsere Trainerin empfahl mir sie zu Hause nicht zu drängen, aber viel mit ihr zu reden. So saß ich jeden Abend vor ihrer Box und erzählte meiner Cassandra russische Märchen. Später kamen Geschichten über unsere Bräuche und Aberglauben, über mein Studium und Arbeit, über den Satz des Pythagoras und Newtonsche Gesetze und vieles mehr. Manchmal streckte Cassandra sogar ihre Pfote aus der Box, und ich konnte sie sehr schnell und kurz streicheln. Komischer Weise, wenn jemand zu Besuch kam, war Cassandra sofort bei mir und wich nicht von meine Seite. Mit ihrem ganzen Wesen zeigte sie, wem sie gehört, oder eher umgekehrt wer ihr gehört. In diesem Fall durfte ich sie streicheln, ohne fürchten zu müssen, dass sie wieder ein Lakerl macht. Kaum waren Besucher gegangen, lag Cassandra wieder in ihrer Box. Das Schauspiel war beendet. So war unser Anfang. Jetzt schläft sie ruhig in meinem Schlafzimmer und bei jeder Gelegenheit fordert sie von mir gestreichelt zu werden. So ist sie meine kapriziöse Diva, meine Prinzessin auf der Erbse – schwarzes Schaf Cassandra. Ich lächele in der Dunkelheit und schlafe zufrieden ein.
Meine Träume sind bunt und intensiv, manchmal lustig, manchmal nicht. Der heutige Traum wiederholt sich seit 14 Jahren immer wieder, nicht oft, aber trotzdem regelmäßig. Mein verstorbener Mann kommt nach Hause zurück. Ich fürchte mich nicht, staune nur: „Wo er die ganze Zeit verschollen war“. eine Antwort bekomme ich nie. Schwermütig wache ich auf, liege noch einige Minuten still und versuche die Trauer, die mich immer stärker ergreift zu entkommen. Plötzlich ist mir bewusst, dass es im Zimmer zu still ist. Wahrscheinlich war es schon zu lange Zeit still, deswegen holte mein Unterbewusstsein das Bild meines verstorbenen Mannes hervor. Was ist mit der Cassandra. Normalerweise springt sie sofort auf, wenn sie merkt, dass ich schon wach bin und will aufstehen. Sie macht es sich dann gemütlich in ihrer Box um noch eine Weile zu schlummern, während ich noch meinen obligatorischen Kaffee trinke, bevor wir Gassi gehen. Heute ist es nicht der Fall. „Cassandra!“ rufe ich sie. Keine Reaktion. Sie liegt bewegungslos neben meinem Bett. Lähmende Panik packt mich ein. Angst, kalte, klebrige Angst füllt mich bis zum Rand aus und schlägt in eine absolute Gewissheit über: Cassandra ist tot! Ihr Fell unter meinen Fingern fühlt sich leblos und kalt an. Ich versuche ihren Herzschlag zu ertasten. Vergeblich! Ich spüre überhaupt nichts. In meinem Kopf kreist nur ein hysterischer Gedanke: mein Hund ist gestorben. Ich gehe ins Wohnzimmer und weiß nicht, was ich machen soll. Die Zeit vergeht. Die Situation ändert sich nicht. Ich rufe unseren Tierarzt an und teile ihm mit, dass mein Hund wahrscheinlich gestorben ist, weil er nicht aufwacht und auf meine Stimme oder Berührungen nicht reagiert. Der Arzt, obwohl es erst halbsieben ist, klingt ganz munter und verspricht mir vorbeizuschauen. Alle Hoffnungen verloren sitze ich am Tisch und weine. Dieser Hund, dieser schlimme Hund hatte wieder etwas gefressen und starb still und leise in der Nacht und ich habe das nicht bemerkt. Meine gehasste und geliebte Cassandra mit der ich so viel schon erlebte und erreichte, die mir die ganze Familie ersetzte. Warum musste sie mich verlassen? Wir waren noch so kurz zusammen. Die Harmonie kam langsam endlich in unsere Beziehung. Ich begann erst jetzt ihre –Gegenwart zu genießen. Erst jetzt brachte ihre Anwesenheit nicht nur Stress und Kummer, sonder auch Freude und Erleichterung im Alltag. Erst jetzt begann ich zu spüren, dass in meiner Wohnung wieder das Leben zurückkehrt und mein Hund ist schon tot. Warum?!
Der Tierarzt kommt ziemlich rasch. Ich öffne im die Tür total verweint mit geschwollenen Augen und laufender Nase. „Wo ist der Hund?“ fragt er kurz.
Ich führe ihn ins Schlafzimmer und schalte das Licht ein. Es herrscht hier Unordnung, aber das ist mir egal. Der Hund liegt wie vorher unbeweglich da. Der Arzt beginnt ihn zu untersuchen. Ich kann das nicht ertragen und muss rausgehen, um irgendwo Platz zu nehmen. Nach einiger Zeit kommt der Arzt zurück. Er trägt in seinen Armen den leblosen Körper von Cassandra. Ich beginne zu heulen. Ich denke daran, dass es derselbe Arzt ist, der unser schwerst krankes Kaninchen von seinen Schmerzen erlöste und auch genau so seinen toten Körper aus meiner Wohnung trug. Der Arzt sagt: Ihr Hund ist nur betrunken. Ich habe ihm schon eine Spritze verabreicht. Jetzt versuchen wir ihn auf die Beine zu kriegen“. Mir fällt der Kiefer runter. Er stellt Cassandra auf den Boden ab und sie spreizt alle Beine von sich. Zittrig und wackelig versucht sie das Gleichgewicht zu halten, ohne die Augen zu öffnen. Der Kopf baumelt hilflos mit. Anscheinend weiß Cassandra nicht mehr, wozu sie vier Pfoten hat und wie man mit ihnen umgeht. Die Hinterpfoten geben nach. Cassandra plumpst auf ihren Hintern und dann kippt sie wieder zur Seite. „Lassen Sie Ihr Hund einfach ausschlafen“, sagt der Arzt. „am besten „am Balkon. Er kann noch erbrechen oder Durchfall bekommen. Zum Glück ist der Hund sehr groß und bleibenden Schäden sind nicht zu erwarten. Aber Sie müssen schon aufpassen, was Ihr Hund zu trinken kriegt. Der Arzt verschwindet ohne auf meine Antwort zu warten. Er hat wohl Wichtigeres zu tun, als einen betrunkenen Hund auszunüchtern. Ich streichele vorsichtig Cassandra und verstehe die Welt nicht mehr. Wer und wann hätte Cassandra Alkohol gegeben? Eine bravouröse Melodie „Auf in den Kampf, Torero“, schreckt mich aus meinen trüben Gedanken. Meine selbstprogrammierende Türglocke hat für mich heute eine sehr passende Melodie ausgewählt. Was ist denn noch los? Will noch irgendein Unheil über uns hereinbrechen?? Schert euch alle zum Teufel. Aber nein! Auf der Schwelle steht mein glücklicher Nachbar. Er hält in den Händen einen Teller mit einem Stückchen Torte und beginnt sich für die gute Idee zu bedanken. Plötzlich geht mir ein Licht auf: Stiegenhaus. Der Nachbar stellte seinen Mistkübel ab, wo oben voll mit Alkohol gepumpte Kirschen zusammen mit Schlagobers und anderen Resten von der ersten ruinierten Torte lagen. Wir gingen in seine Wohnung kontrollieren. Meine Tür war nur angelehnt und dahinter stand wahrscheinlich Cassandra und wartete nur auf eine Gelegenheit sich an den Inhalt des Kübels heranzumachen. Was sie auch glänzend ausführte. Wir merkten nichts.

Tage später
Die Normalität kehrte langsam in unseren Alltag zurück. Ich erholte mich fast vollkommen vom Schreck. Cassandra ist wieder quicklebendig und die Nachtbarn machen nach jedem Streit die „betrunkene Kirschen“ Torte. Es sieht schon nach einer Familientradition aus. Ich vermute, dass diese Streitigkeiten nur Vorwände sind für die Naschkatzen um die Torte immer wieder zu machen. Ich zu meinem Teil strich dieses Rezept sicherheitshalber aus meinem Kochbuch heraus.