Blinde müssen Götter sein

von Robbie Sandberg

Blinde Müssen Götter Sein
Bericht einer außerirdischen Forschungsexpedition nach einem Besuch auf der Erde
Bei unserem Besuch im Sonnensystem Q4-G73-SS528 fanden wir heraus, dass der Planet mit der
Kartenbezeichnung P3 von einer uns sehr artverwandten Spezies
bewohnt wird. überhaupt muss die bio- und geologische Entwicklung des Planeten ähnlich der
unseren verlaufen sein. Die einzigen Unterschiede zwischen unserer
Rasse und den intelligenten Bewohnern von P3 sind, dass einzelne Gruppen von ihnen sich noch
auf gravierend unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden, dass
es viele unterschiedliche Sprachen gibt, dass sie ihrer Hautfarbe eine uns unbekannt gebliebene
Bedeutung beimessen und dass sie durchschnittlich nur 3 Viertel
unserer Körpergröße erreichen. Die höchst entwickelten Volksgruppen sind unserem technischen
Standard schon recht nahe. Wir rechnen damit, dass sie in 150 bis
200 Sonnenumkreisungen unsere jetzige Entwicklungsstufe erreichen werden.
Was uns befremdet hat, ist die seltsame Götterverehrung der Bewohner von P3. Die Götter
unterscheiden sich zunächst kaum von den gewöhnlichen Bewohnern des
Planeten. Sie bewegen sich teilweise anders und führen, wenn sie sich im Straßenbild zeigen
einen weißen Stab mit sich, den sie auf rhythmische Weise vor sich
herschwänken. Es muss sich dabei um eine Art Zepter handeln. Einige der Götter tragen gelb
leuchtende Binden mit 3 schwarzen Punkten am Arm. Das lässt uns
vermuten, dass es eine Art Hierarchie unter ihnen gibt. Wahrscheinlich gehören diese Götter einer
bestimmten Kaste an, was sie durch das Tragen der Binde mit
den Punkten zum Ausdruck bringen. Weiterhin zeigen einige Götter sich stehts in Begleitung von
Tieren, mit denen sie offenbar kommunizieren können. Diese
Götter tragen allerdings den mysteriösen Stab nicht. Aus einem uns unerklärlichen Grund haben
die Götter des Blauen Planeten kein Sehvermögen. Einige besitzen
sogar gläserne Augen, die sie herausnehmen können. Dies scheint ein furchterregendes Ritual zu
sein, da es die umstehenden Anbeter in Angst und Schrecken
versetzt.
Zu der Erkenntnis, dass es sich um Götter handelt, sind wir durch das Verhalten der gewöhnlichen
P3-Bewohner gelangt. Wenn ihnen einer der Götter begegnet,
laufen sie zu ihm hin, um ihn anzufassen. Wahrscheinlich versprechen sie sich eine segensreiche
oder gar heilende Wirkung davon. Es kann passieren, dass ein
Gott sich über dieses impertinente Verhalten lautstark empört. In solch einem Fall bleibt der Frevler
meist betroffen stehen und sieht dem Gott lange traurig
nach. Oft stürmen mehrere Personen auf einen der Götter ein und reißen sich förmlich darum, ihn
anfassen zu dürfen. Auch wird den Göttern, wo immer sie sich
zeigen, respektvoll Platz gemacht, wogegen man mit seines Gleichen im Allgemeinen recht
rücksichtslos umgeht. Viele P3-Bewohner sehen den Göttern auch nur
gebannt und andächtig nach. Es kommt vor, dass der Eine oder Andere dabei vor Ergriffenheit in
Tränen ausbricht.
Wir fanden es erstaunlich, dass die Götter am ganz normalen Alltagsleben von P3 teilnehmen.
Außer den oben genannten Unterschieden im Auftreten und der
Verhaltensform, sind uns keine nennenswerten Besonderheiten aufgefallen. Auch war nicht
herauszufinden, was die Götter vermögen und über welche Macht sie
verfügen. Wir können lediglich aus unseren Beobachtungen schlussfolgern.
Es ist anzunehmen, dass die Götter die ersten Bewohner des Planeten waren und sich die
gewöhnlichen P3-Bewohner zum Ebenbild geschaffen haben, um von ihnen
bedient zu werden. Allerdings haben die Götter, als sie ihren Kreaturen die Gabe des Sehens
verliehen, nicht gewusst, welches Unheil sie damit über sich
bringen würden. Wahrscheinlich wollten sie selbst nicht sehen, um die Vielseitigkeit ihrer
Wahrnehmung nicht durch diesen dominanten Sinn einzuschränken.
Andererseits wussten sie jedoch auch um den Vorteil des Sehvermögens und statteten ihre
Geschöpfe damit aus, um sich leistungsfähige Diener zu schaffen. Einige
der Götter, die damit nicht einverstanden waren, zähmten sich gut sehende Vierbeiner. Für diese
Abtrünnigkeit nahm man ihnen allerdings das Privileg, den
Ritenstab tragen zu dürfen. Ihre Befürchtungen jedoch bewahrheiteten sich. Die Wirkung des
Sehsinnes auf die gewöhnlichen P3-Bewohner war verheerend. Sie
berauschten sich an dieser Gabe, mit der sie nicht umzugehen wussten. Die feineren Sinne
verkümmerten und das Sehen wurde verherrlicht. Der Grund weswegen die
Götter heute noch angebetet werden, liegt vermutlich darin, dass im Unterbewusstsein der P3-
Bewohner immer noch eine weit zurückreichende Ehrfurcht vor den
ursprünglichen Herrschern des Planeten verwurzelt ist. Im Zuge einer allgemeinen Rückbesinnung
auf spirituelle Werte gewinnen außerdem die einzig den Göttern
gebliebenen edleren Sinne wieder an Bedeutung.
Wir empfehlen, den Planeten zu Forschungszwecken unter Beobachtung zu behalten. In der
nördlichen Hemisphäre gibt es in der Nähe von bewohntem Gebiet
Kornfelder, die sich hervorragend für die Landung eignen.

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