Apport

Nach Erzählung von V. Janovskiy aus Russischen übersetzt


Hallo Valentin!
Endlich kann ich dir wieder schreiben. Ein Krankenstand fesselt mich derzeit zu Hause und beschert mir jede Menge freie Zeit. Marina – meine Frau ist auch da und richtet dir schöne Grüße aus. Sie ist auch im Krankenstand. Ich hoffe du kannst dich noch daran erinnern, dass unsere Familie einen Zuwachs in Form eines jungen Schäferhundes bekam. Schirkan ist schon fast erwachsen, noch im Frühling beschlossen wir mit Marina ihn selbst zu trainieren. Natürlich hatten wir keine einschlägige Erfahrung, aber desto mehr Enthusiasmus und einen unerschütterlichen Glauben an unsere eigenen Kräfte gehabt. Dass wir das ganze Internet und jede Menge Bücher sorgfältig durchstöbert hatten, versteht sich von selbst. Bald wussten wir theoretisch alles. Die praktische Umsetzung unserer neu erworbenen Kenntnisse erwies sich komplizierter als gedacht, obwohl Schäferhunde sehr gut für die Abrichtung geeignet sind. Die einfache Befehle: Sitz, Platz, Fuß kapierte Schirkan sehr schnell, aber den Befehl „Apport“ wollte er nicht ausführen. Wenn man ihm ein Stöckchen warf, begann er sofort mit ihm zu spielen: Er schleuderte es in die Höhe, fing es selbst wieder, knabberte an ihm und versuchte es einzugraben, anstatt, wie es sein sollte, zurück zu bringen.
„So kann es doch nicht weiter gehen“, sagte resigniert einmal Marina, als sie nach dem abendlichen Training mit Schirkan nach Hause kam.
„Es geht mir schon langsam auf den Wecker, dass ich dem Schirkan das „Apport“ bis jetzt nichtbeibringen konnte!“
Marina machte es sich auf der Couch bequem und Schirkan legt sich mit einer schuldigen Mine sofort zu ihren Füßen, als ob er verstand, dass wir über ihn reden.
„Mensch, ärgere dich nicht!“, versuchte ich sie zu trösten.“Lass uns das Rad nicht neu erfinden, wenden wir uns lieber an einen Profi. Mir wurde vor kurzem ein Supertrainer empfohlen. Man sagt ihm nach, dass er ein unübertroffener Experte auf diesem Gebiet ist. Er heiß Wasili Wassiljewitsch und seine Telefonnummer habe ich auch schon.
„Na gut, stimmte Marina mir ohne Widerstand zu, dann machen wir es so“. Ich rief den Trainer an und vereinbarte unser Treffen.
Pünktlich zur festgelegten Zeit standen wir alle zusammen ich, meine Frau und der freudig aufgeregte Schirkan auf einen Trainingsplatz, der sich als ein alter, ehemaliger Volleyballplatz entpuppte. Er war schon teilweise demoliert, aber noch immer mit einem Drahtnetz umzäunt und hatte sogar eine kleine Zuschauertribüne. Irgendwann in der Vergangenheit bedeckten Gummifliesen den ganzen Boden. Jetzt waren sie nur spärlich präsent. Interessant: wem dieser alte Gummi nützlich sein könnte. Wahrscheinlich pflastert jemand mit ihnen die Wege zwischen den Gemüsebetten im eigenen Garten.
Endlich erscheint auch der strahlende und tatfreudige Wasili Wassiljewitsch. Zur Kürzung werde ich ihn weiter als WW nennen.
„Guten Tag! Was für einen hübschen Kerl haben wir hier!“WW versuchte Schirkan mit einer übertrieben süßen Stimme zu begrüßen und zu streicheln. Vielleicht wollte er nur uns imponieren. Dem Schirkan gefiel aber die Hätschelei von einem völlig fremden Mann, der noch dazu viel zu nah an seinen Leute herangetreten war absolut nicht. Stumm, ohne zu knurren, griff er blitzschnell an, während Marina noch die Höflichkeit in Person darstellte und unseren zukünftigen Trainer hingerissen betrachtete. Im Nu fand sich das Bein des Trainers im Maul vom Schirkran. Die Hölle brach los! Irgendwie schafften wir Schirkan weg zu ziehen. Mit Mühe und Not brachten wir WW zu einer noch vorhandenen Bank auf der Tribüne. Ich holte aus seinem Auto die Notapotheke.
„Entschuldigen Sie bitte“, jammerte Marina, während sie das Bein unseres Trainers bandagierte. „Ich weiß nicht, was bloß in ihn gefahren ist. Normalerweise greift Schirkan nie sofort an.“
„ Macht nichts.“ Unser schockierter Trainer versuchte zu lächeln, obwohl seine Ausstrahlung und Tatfreude bemerkbar nachgelassen hatten. „Das ist mein Job “, fügte er philosophisch zu und bemühte sich die Schmerzgrimasse zu unterdrücken.
„Hatten sie ihn eigentlich schon scharf abgerichtet?“.
„Nein!“, wies Marina entschieden alle Beschuldigungen zurück“.
Darauf sagte WW belehrend und wichtigtuend: „Machen sie das bloß nie, - ihr Hund ist schon von Natur aus genug scharf.“
Ich stand in einiger Entfernung, hielt den wütenden Schirkan fern und dachte über die Folgen vom so einem unglücklich angefangenen Training. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist schon eigentlich passiert und noch etwas Ärgerlicheres war unvorstellbar. „weiter kann es nur besser gehen“, dachte ich und begann mich langsam zu entspannen, dabei beruhigte sich auch Schirkan. Wie naiv ich war!
Die erste Hilfe war endlich geleistet. Unser Trainer kam hinkend in die Mitte des teilweise gummierten Platzes und rief uns zu sich. Wir traten zu ihm heran. Schirkan sah ihn noch streng an, aber er konnte sich schon erlauben ihn in unserer Nähe zu dulden.
„Erstens: Ich trainiere nicht die Hunde, sondern ich lehre die Besitzer“, sagte unser Trainer in dem gleichen belehrenden Ton „Sie müssen verstehen: nur Sie und niemand anderer müssen ihren Hund steuern können.“ WW blickte vorsichtig zum Schirkan. Dieser bohrte ihn mit seinen schwarzen, noch immer wütenden Augen.
„Zweitens: Hören Sie nie auf Leute, die sagen, dass man die Hunde nicht schlagen darf.“ Wir tauschten mit Marina erstaunt die Blicke.
WW wartend auf unsere Proteste machte eine Pause. Wir waren aber sprachlos. Er setzte fort: „Was versteht man unten „Schlagen“?“ „Jeder hat eine eigene Meinung. Für mich ist schlagen, wenn Sie den Hund unbegründet bestrafen. Wenn aber einen Grund vorhanden ist, dann muss man ihm unbedingt bestrafen.“ Er blickte wieder auf Schirkan. Aber unser Hund zeigte plötzlich absolut kein Interesse mehr an dem Trainer. Er verschlang mit den Augen nicht den verhassten Mann, sondern einen Apportierstock, der in seinen Händen auftauchte. Schirkan ist einfach besessen vom Stöckchen Spielen.
„Marina, bringen Sie ihn in die Stellung „Fuß“. Die Stimme vom WW ist bemerkbar ruhiger geworden. Er registrierte schon, dass der Hund keine Bedrohung mehr führ ihn darstellt. -
Und Sie, Nikolei, werden den Apportierstock werfen“, dabei reichte er mir den Stock. Schirkan, der diese Szene mit verfolgte, war sofort begeistert. Er vergas alles: WW, fehlende Fliesen am Boden und abwesende Bänke auf der Tribüne. Er renkte den Hals aus, drehte den Kopf hin und her und versuchte an Marina vorbei etwas auszuspähen. Sein ganzes Interesse galt nur dem Stock. Seine Augen, die vor Ungeduld und Erregung fiberhaft glänzten, flehten:“Ich bin schon bereit!“ „Auf was wartest du noch? Los schnell, lass uns endlich spielen!“
„Zweck der Übung: die Bildung eines bedingten Reflexes für das apportieren eines Gegenstandes, in unserem Fall eines Stockes.“ WW erholte sich schon völlig vom Schreck und seine Lehrhaftigkeit stieg in Unermessliche. Fast militärisch setzte er fort: „Methode: Zuckerbrot und Peitsche. Aufgabe: Zuerst lehren wir ihm nicht ohne Kommando nach dem Stock zu laufen. Er muss sich daran gewöhnen. Verfahren: Marina, halten Sie die Leine locker. Es ist sehr gut, dass sie so lange ist. Wenn Nikolei den Stock wirft, machen Sie nichts, halten Sie nur die Leine fest. Der Hund wird sich nach dem Stock werfen, zuerst wird die Leine sich in die ganze Länge ausstrecken, und dann bekommt er abrupt einen Leinenruck. In diesem Moment rufen Sie laut und autoritär „Nein!“ und holen ihn zurück. So werden wir es wiederholen bis er versteht, dass das Laufen ohne Befehl nur Unannehmlichkeiten bringt.“ WW musterte uns.“ Haben Sie Fragen?“ Wir haben keine Fragen gehabt. „Dann an die Arbeit“!
Marina gab ein Zeichen – Bereit. Mit einem kräftigen Schwung warf ich den Stock zum Rand des Platzes. Schirkan, der nur auf diesen Augenblick wartete, Schoss mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften vorwärts . Valentin, hast du irgendwann gesehen, wie Schäferhunde laufen? Ein herrliches Bild! Sie fliegen über den Boden, die Ohren auf den Kopf angelegt, stoßen sich mit den Pfoten mit einer gewaltigen Kraft ab und erreichen praktisch in Sekundenschnelle eine sehr hohe Geschwindigkeit. Sie ist Natürlich nicht so groß wie bei den Windhunden, aber eine solche Geschwindigkeit zu erreichen beim Gewicht von 60 – 70 kg ist einfach unglaublich! Es scheint, dass der ganze Körper und jeder Muskel, an diesem Lauf teilnimmt. "fantastisch!“, kaum hatte ich das gedacht, als plötzlich Marina im Tiefflug über den Platz geschwind flog. „Ooo“,,! sagte sie im Vorbeifliegen. Wir erstarrten mit offenem Mund. Ich machte unwillkürlich die Augen fest zu in Erwartung einer katastrophalen Bruchlandung. Zum Glück war Marinas Schutzengel nicht vollkommen abwesend und sie landete relativ sanft auf dem Gummi. Wie vorsorglich war unser WW und wählte fürs Training genau diesen Ort aus. Marina lag am Boden und kam langsam zu sich. Schirkan brachte das erste Mal in seinem Leben ihr das Stöckchen zurück und versuchte sich jetzt einzuschmeicheln und sie am Gesicht zu lecken. Er sprang herum und forderte mit lautem Bellen auf weiter zu spielen. Ich rannte zu ihnen. Hinter mir humpelte so schnell, wie ihm sein gebissenes Bein erlaubte, WW. Marina war nicht so viel vom Sturz als wie vom Leinenruck verletzt worden. Ihr linker Arm hängte kraftlos runter. Durch den Schmerz konnte sie den Arm nicht mehr halten und ich bastelte ihr eine Armschlinge aus meinem Gürtel. Wir setzten uns zusammen, erholten uns ein wenig und unsere ganze verletzte Gruppe entschied, dass Training fortzusetzen.
Jetzt musste ich mit Schirkan stehen und Marina mit dem unverletzten Arm den Stock werfen. Ich gab ein Zeichen: „Bereit“, Marina schwank mit dem Stock und… Ich kam zu mir, als WW mich von den schwarzen Gummiplatten zu heben versuchte. Mein Schädel dröhnte, mein Nacken schmerzte. Wie durch Nebel sah ich Marina, die zu mir mit Verbänden und einer Notfallapotheke eilte. Ein zufriedener Schirkan spielt mit dem Stock vor mir als ob nichts gewesen wäre. Auf der Tribüne bemerkte ich auch mehrere einsame Zuschauer. Was war hier los? Ich war absolut irritiert und verstand überhaupt nichts mehr, aber wurde sehr bald bemitleidend aufgeklärt. Der Apportierstock riss sich zufällig von Marinas Hand los und traf mich im Nacken. Macht dir keine Sorgen, Valentin. Es ist nicht so schlimm, wird auch einmal verheilen, nur der Kopfverband, den ich bis jetzt trage, ist lästig. Wir legten eine kurze Erholungspause ein, um unsere Wunden zu lecken. Danach waren wir fest entschlossen weiter zu trainieren, umso mehr, dass auf der Tribüne neue Zuschauer erschienen. Ich stellte mich schon fast wie ein Zirkusartist vor. WW begann sich aber von uns ein bisschen fern zu halten, stand in einem sicheren Abstand und rief von dort seine Befehle aus. Ich wollte ihm dieses Vergnügen nicht gewähren. Und noch weniger wollte ich, dass Marina wieder den Stock wirft. Ich bezwang meinen noch anhaltenden Schwindel und rief ihm zu: „Wasili Wassiljewitsch lassen Sie mich mit dem Hund arbeiten und Sie werden den Stock werfen.“ In meinem Kopf summte es noch heftig und ich verstand nicht, was er zurück murmelte. Sicherheitshalber ergänzte ich: „Haben Sie nichts dagegen?“
„ Nein, nein“, -sagte er zu mir humpelnd. „So wird es wahrscheinlich besser sein aber die Leine sollte vielleicht nicht so lang sein. Machen wir sie kürzer.“ „Marina, stellen Sie sich hinter Nikolei links und nehmen sie einen Zweig oder eine Rute in die Hand. Wenn der Hund ohne Kommando losreißt, bestrafen Sie ihn mit einem Rutenschlag auf dem Kreuz“. „Ist alles klar?“, fragte fast sanft unser Trainer. Marina hatte alles verstanden, nahm eine Rute in der Hand, und stellte sich in die richtige Position. Wir warenbereit. WW holte mit dem Stock aus. Ich ging auf alle Fälle sofort in die Hocke. Genau in diesem Moment brannte ein Blitz meine linke Hand durch und ich ließ die Leine fallen. Valentin, du kannst dir nicht vorstellen. was für ein höllischer Schmerz es ist. Marina zielte auf den Schirkan und erwischte mit der für die Bestrafung vorgesehenen Rute, meine Hand. Es wäre besser, hätte sie mit einem Pfahl auf meinen Kopf zugeschlagen. Es wäre sicher nicht so schmerzhaft. Ich bekam wieder einem Verband. Noch ein paar solcher Trainings und aus Marina wird eine gute Krankenschwester. Wir setzten uns wieder zur Erholung zusammen. Nur Schirkan spielte auf dem Platz weiter mit dem heiß geliebten Stöckchen. Er war wirklich glücklich. Die gewachsene Gruppe von Zuschauern war auch sehr zufrieden mit der Vorstellung. Allem Anschein nach haben wir schon einen eigenen Fanclub. Unsere Anhänger, wie es auch gehört, riefen uns gute Ratschläge zu, lachten und applaudierten sogar. Valentin, du wirst nicht glauben, aber wir haben beschlossen unser Training fortzusetzen. Plötzlich tauchte unsere Courage auf. Diesmal bereiteten wir alles sorgfältig vor. Ich band den Schirkan an einem Zaun und prüfte ob dieser genug standhaft ist. WW und Marina traten zur Seite, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Ich nahm den Stock. Zur Sicherheit entfernte ich mich noch ein paar Schritte. Und. Es ist nichts passiert. Absolut nichts! Der Stock fiel am Rand des Platzes. Schirkan blieb aber stehen und lief ihm nicht nach. Für ihn war es wahrscheinlich auch schon zu blöd, dass sein Frauchen und Herrchen immer wieder Verletzungen kriegten und zeigte sein Mitleid mit uns. Die Tribüne explodierte vor Applaus. Unsere Zuschauer applaudierten im Stehen. Zu uns liefen eine glückliche Marina und ein humpelnder und erfreuter WW. „Sehen Sie“, rief er aufgeregt, „der Hund hat schon den richtigen Reflex“. „Marina, machen Sie jetzt den Hund frei und geben Sie ihm den Befehl „Apport““. Marina machte alles, wie ihr gesagt worden. Die Tribüne hielt vor Erwartung den Atem an. Schirkan rannte zum Stock, schnappte ihn und lief total zufrieden zurück. – Komm zu mir, mein guter Bub, - sagte Marina bewegt und streckte ihm ihre gesunde Hand entgegen. Schirkan begriff, dass er alles richtig machte, wie man es von ihm verlangte. Er spürte, dass alle: seine Besitzer und die Tribüne und sogar der böse Trainer mit ihm zufrieden und von ihm begeistert sind. In seiner freudigen Erregung wollte er sofort seine unendliche Liebe zu Marina zeigen und als Zeichen von Dankbarkeit ihr Gesicht ablecken. Er sprang auf und legte seine Pfoten auf ihre Brust. Marina könnte sein Gewicht nicht halten, macht ein Schritt zurück, stolperte über die schlecht liegenden Gummifliesen, fiel auf den Rücken und verrenkte dabei sehr stark ihren Fuß.Wir verzichtete auf das Fortfahren des Trainings, obwohl die Tribüne klatschte und eine Zugabe forderte. WW drückte uns vorsichtig die Hände und humpelte zu seinem Auto. Ich rief ihm nach: Wann ist das nächste Training. Aber er hörte mich nicht mehr oder wollte nicht hören. Wir machten uns auch auf den Weg nach Hause. Und so gingen wir langsam entlang der leeren Straße: ich mit dem verbundenen Kopf und der verletzten Hand und neben mir eine humpelte Marina. Sie stützte sich auf einen gefundenen Ast anstatt einer Krücke und hütete ihren in der Schlinge liegenden Arm. Nur Schirkan gesund und freudig lief glücklich um herum.