Paris sehen und sterben.


Reisebericht 2013.
April.

„Das kann doch nicht wahr sein!“ ich lese unglaublich die gerade angekommene Mitteilung noch einmal durch. Sie schafften es wirklich. Die Anhänger der Hundeschule Gerstmann und Traveldogs fahren heuer nach Paris und laden mich ein wieder teilzunehmen. Letztes Jahr reiste ich mit dieser außergewöhnlichen Truppe nach Italien und war heilfroh diese Affäre unbeschadet überstanden zu haben. Danach schwor ich mir selbst: Nie mehr wieder einen solchen Blödsinn zu machen!

Mai.

Was war so schlimm in Umbrien? Eigentlich nichts, nur ein paar belanglose Kleinigkeiten, die bei keiner Reise ausbleiben.
Jetzt sitze ich hier und überlege ernsthaft ob ich nach Paris mitfahren soll oder nicht. Meine Tochter ist strikt dagegen. Sie nimmt den berühmten russischen Spruch zu ernst: Paris sehen und sterben, den ich wahrscheinlich zu oft in ihrer Anwesenheit wiederholt habe. Sie will nicht, dass ich sterbe. Ich will das auch noch nicht. Das Entscheidende Wort sagt Stefan – mein guter Kumpel und ein unermüdlicher Verführer in punkto „Abenteuer mit den Hunden“: Es gibt überhaupt keinen Grund Sorgen zu machen. Du bist doch vollblind und könntest Paris, so wie so, sogar wenn du wolltest, nicht sehen. Deswegen kannst du auch nicht sterben. Es ist doch ganz logisch! Prima! Die Ausrede ist gefunden. Man darf beruhigt fahren und Cassandra wird sich sicher freuen alte Bekannte wieder zu treffen. Letztes Jahr dank der Reise nach Umbrien gewann ich viele neue Kenntnisse, zum Beispiel, dass: eine Toilette und eine Dusche für vier Damen zu wenig ist, besonders wenn früh am Morgen alle gleichzeitig fertig sein sollen.
Deswegen buche ich heute uns prompt ein Einzelzimmer in der Hoffnung, dass diese Investition mir alle anderen eventuellen Unannehmlichkeiten kompensiert.

August.
Die Unannehmlichkeiten kamen früher als ich dachte. Der Meniskus von meinem rechten Knie wollte nicht mehr mitspielen und musste schleunigst entfernt werden. Die Operation verläuft gut und ich kann schon gehen, aber sitzen und Treppen steigen kann ich noch nicht. Nach Paris fahren wir mit dem Bus, das heißt viele Stunden sitzen. Bis dahin sind noch vier Wochen. Ich muss mich schleunigst in Form bringen.

September.
Es ist so weit. Wir fahren nach Paris.

Die Fahrt verläuft gut. Wir vertreiben uns die Zeit mit Essen und Trinken, Tratschen und singen. Der Bus hat eine Kaffeemaschine und einen unerschöpflichen Vorrat von Getränken inklusive Bier und Sekt. Eine Toilette gibt es auch. Sehr praktisch. Für mein operiertes Bein wurde es ein zusätzlicher Platz eingeräumt, so dass ich es immer wieder ausstrecken kann. Cassandra liegt auf ihrer Lieblingsdecke neben meinen Füßen. In der nächsten Reihe hinter uns sitzt Eva mit dem jungen Labrador Harri. Jedes Mal nach der Rastpause, will er nicht zu seinem Platz nehmen. Maria beobachtet missbilligend die erfolglosen Versuche von Eva Harri zum Weitergehen zu bewegen. Endlich platzt ihre Geduld und sie will zeigen, wer der Boss ist und wie ein Hund sich zu benehmen hat. Und hier entdeckt sie, dass Cassandra sich ungeniert unter zwei Sitzreihen ausgestreckt liegt. Als echter Gentlemen wollte Harry natürlich die Lady Cassandra nicht stören. Prompt wurde Harry rehabilitiert. Er bekommt einen anderen Platz. Die Harmonie ist wiederhergestellt. Alle sind erneut zufrieden. In der Nacht beneide ich Cassandra, die unter meinen Füßen in ganz behaglicher Lage, absolut entspannt schläft, während ich vergeblich versuche mir es bequem zu machen, um ein bisschen zu schlummern.

 
 

Paris

Wir kommen in Paris zu früh an. Die Zimmer sind erst ab 12 Uhr fertig zum Einziehen. Um Zeit zu vertreiben und zu frühstücken gehen wir zum McDonalds. Er befindet sich in der Nähe von uns und ist schon offen. Das ist eine Rettungsinsel für alle gestrandeten in fremden Ländern. In allen über den Erdkugel zerstreuten Filialen gibt es praktisch ein identisches Menü und man weiß was man nach der Bestellung bekommt, sogar wen man die die Landsprache nicht beherrscht.
Zimmer.
Wir dürfen endlich in unsere Zimmer einziehen. Ein neues Hotelzimmer ist immer ein Abenteuer für sich. Ich suche sofort die Heizung. Bei meiner ersten Reise im Winter war ich noch total unerfahren und naiv und ahnte nicht, dass Heizkörper in einem Hotel auch im Winter ausgeschaltet sein können. Ich habe damals die Nacht in bittere Kälte verbracht. Gott sei Dank war die Decke sehr dick und warm und auf dem Kopf habe ich mir meine Haube aufgesetzt. Eine solche Lehre vergisst man nicht. Seitdem ist immer mein erster Schritt in einem neuen Hotel den Heizkörper im Zimmer zu finden. Und ich finde ihn wirklich, zwar lässt er sich nicht einschalten, aber seine Präsenz weckt in mir Hoffnung, dass es vielleicht einmal warm werden kann. Der nächste Schritt ist das Badezimmer zu prüfen und zu versuchen die Armatur, welche wieder eine für mich unbekannte Konstruktion darstellt, in Betrieb zu setzen. na ja. Mein Erfolg ist sehr bescheiden. Kaltes Wasser fließt, aber nicht lange. Außerdem stelle ich fest, dass die Bade und Handtücher komplett fehlen. Wieso bin ich nicht zu Hause geblieben? Da kommt Maria und beseitigt sofort alle Probleme: sie schaltet dir Heizung ein, erklärt wie man diese mehr als ungewöhnliche Dusche steuern kann und bringt sogar als vorläufigen Ersatz für die Handtücher- frischgewaschene Hundetücher. Sie hat die Welt wieder einmal in Ordnung gebracht. Jetzt kann man beginnen auch Paris zu erkunden.

 
 

Eiffelturm.

von Zeitgenossen verspottet und bekämpft ist er zum Wahrzeichen von Paris geworden und ist jetzt ein absolutes Muss für alle Touristen. Für uns selbstverständlich auch. Sehr viele Leute, sehr großes Gedränge. Totaler Stress für uns, Hunde, Begleitpersonen und für das Personal vom Eiffelturm. Aber mit vereinten Kräften klappt alles gut und wir stehen schon oben. Die Erklärungen unserer Reiseführerin dringen zu mir nur teilweise durch, zu viele Leute und Hunde. Ich weiß nicht wie ich mich drehen muss, um mindestens in die richtige Richtung zu schauen, woher die Stimme kommt. Aufgeschnappt, das alle 7 Jahre der Turm neu gestrichen werden muss und dabei wird ca. 60 Tonnen Farbe verwendet, versuche ich sofort nachzurechnen wie viel Tonnen Farbe schon verbraucht wurden und überlege ob die Tragkonstruktion diese Last aushalten kann und was ich machen werde wenn er jetzt gerade zusammenfällt. Meine Grübelei unterbricht Maria . Sie schleppt mich zu einem von den Metallträgern, die ich abtasten kann. Halbherzig beginne ich das zu machen, obwohl ich vom Abtasten nichts halte. Man kriegt nur schmutzige Hände und eventuell einen Splitter in den Finger. Eine detaillierte Beschreibung ist mir zehn Mal lieber. Aber ich taste weiter ab und plötzlich halte ich verblüfft an. Was ist denn das? Mein Gott, das ist doch eine Niete! Aber diese Größe und Lage. Wie kann man sie in diese Position bringen und befestigen? Ich bin sprachlos. Wenn ich richtig verstanden habe, von solchen Nieten gibt es hier 2,5 Millionen. Meine Bewunderung für den Eiffelturm steigt ins unermessliche.

 
 

Kathedrale Notre-Dame.

Wir sind schon drin. Hier ist wie auch überall in Paris alles gut organisiert. Die Franzosen melken fleißig die Scharen von Touristen ab. Man hört nur gedämpfte Stimmen und den Klang von Wechselgeld. Jeder von uns bekommt auch einen eigenen Audioguide. Man geht von einem Punkt zum anderen und hört über Kopfhörer alles Wissenswerte. Für die Sehenden ist es wahrscheinlich eine Superidee, aber für mich persönlich als Blinde ist sie absolut kontraproduktiv. Wozu muss man irgendwohin gehen und dort ohne Möglichkeit etwas zu sehen dumm da stehen, wenn es wesentlich bequemer ist im Sitzen zu hören. Was ich auch mache, obwohl ich kein Verständnis für mein Benehmen bei den Begleitern finde. Ein blödes Beispiel ist gewiss ansteckend. Nach zehn Minuten sitzt schon die ganze Gruppe. Die Bequemlichkeit siegte über die Vornehmheit. Alle hören fleißig doch ich falle wieder aus der Reihe und höre nicht mehr. Ich denke daran, dass diese Tonbandlektion die leichte, elegante und trotzdem sehr interessante und wissenswerte Beschreibung der Kirche von Viktor Hugo in seinem Roman Der Glöckner von Notre Dame nicht übertreffen kann. Alle diese gut gemeinte Lektionsdetails, wer, wo, wann, werden in ein paar Stunden aus dem Kopf verschwinden, aber an die Worte des Dichters: Diese Kirche ist einfach eine gewaltige Steinsymphonie, wird man sich immer wieder erinnern.
Die bittere Ironie des Schicksals: Ich habe den „Glöckner von Notre-Dame“ seinerzeit noch als Sehende gelesen und wünschte mir inständig einmal den Ort des Geschehens diese großartige Kathedrale zu besuchen, durfte aber nicht. Jetzt bin ich hier, aber sehen kann ich sie nicht mehr.
Cassandra legt tröstend ihren großen Kopf mir auf die Knie und so sitzen wir in der Mitte von Notre-Dame eine blinde blonde Frau und ihr schwarzes Schaf.

 
 

Invaliden Dom.

- Die letzte Ruhestätte des großen Napoleon Bonaparte, obwohl das Wort Ruhe hier absolut fehl am Platz ist. Es wimmelt hier einfach nur so von Touristen. Aus einem Grab wurde eine Attraktion gemacht. Traurig. Aber alle spielen mit und wir auch. Wieder einmal eine Treppe nach unten und wir stehen vor einem gewaltigen Sarkophag. Diese Krypta ist eigentlich ein fragwürdiges Denkmal für Napoleon - alles erinnert an Rußland, wo er seine bitterste Niederlage erlitt und praktisch seine ganze Armee verlor. Es ist nicht genug, dass seine sterblichen Überreste wie in einer russischen Matreschka in fünf ineinander geschachtelte Särgen liegen, der Stein – ein roter Quarzit, welchen der Architekt für dieses Denkmal auswählte, konnte nur in Russland beschafft werden. Frankreich wäre gezwungen gewesen ihn dort zu kaufen, hätte der russische Zar diesen 200 Tonnen Klotz nicht geschenkt, angeblich mit den Worten: Einen Stein für Napoleon findet man in Russland doch immer.
12 Skulpturen, trauernde Viktorien symbolisieren Napoleons Siege. Dazwischen steht auch eine, die Moskau gewidmet ist. Ich glaube Napoleon wäre nicht erfreut an das verbrannte Moskau erinnert zu werden, welche sich als tödliche Falle für ihn entpuppte und zum Anfang vom Ende seines Imperiums wurde.
Nichts desto trotz Napoleon war und blieb in der Menschheitsgeschichte als großartige Persönlichkeit und einmalige Erscheinung.
Ich bin aber sehr froh endlich wieder draußen zu sein. Besuche von fremden Gräbern scheinen mir ziemlich geschmacklos zu sein und sollten eigentlich nur für Angehörige und Freunde beibehalten sein.

 
 

Louvre.

Eine der größten Sammlung von Kunstschätzen der Welt, die ein Blinder nicht sehen oder angreifen kann. Angeblich gibt es hier eine Ausstellung, wo Sehbehinderten einige Werke betasten können, aber wenn wir in den Louvre kommen, ist sie geschlossen. Wie auch überall sind sehr viele Leute. Wir bekommen wieder Audioguides mit Kopfhörer – es klappt sehr schlecht, weil man gleichzeitig hören und die Anweisungen vom Begleiter, wohin man gehen soll, beachten muss. Stress pur. Dazu kommen speziell für meine Knie unendliche Treppen.
Der Höhepunkt - die Mona Lisa. Unsere menschliche Reiseführerin versucht vergeblich dieses Bild zu beschreiben. Wir stehen mit Cassandra ein bisschen abseits, um den Leuten, die dieses Bild betrachten wollen und können, nicht im Wege zu stehen. In der Schule habe ich ein Referat über Leonardo da Vinci geschrieben und viele Stunden in der Bibliothek verbracht, um sein Leben, Arbeit und Werke kennenzulernen. Ich war bis zum äußersten fasziniert von diesem vielseitigen Genie. Jetzt stehe ich hier müde und mürrisch da und denke daran, dass dieses so oft besungene Lächeln von Mona Lisa überhaupt nicht rätselhaft ist, sondern nur spöttisch, als ob sie sagenwürde: nun, bist du auch dabei: zwischen Tausenden und aber Tausenden, die zu mir kommen und selbst nicht wissen wozu. Ja, meine Liebe, die Werbung ist eine gewaltige Kraft. Einmal eine richtig von Leonardo durchgeführte PR Kampagne und schon war mein Ruhm für die nächsten 500 Jahre gesichert noch dazu versickert der Geldstrom um mich herum nicht.
Meine bösen Gedanken unterbricht eine von unseren Schutzengeln, eine von unseren Begleitpersonen. Sie flüstert mir ins Ohr: Mehr Leute fotografieren deinen Hund, als die Mona Lisa. Ich lächele schadenfroh. Die Abbildung von diesem Bild gibt es überall, und meine Cassandra ist einmalig.

 
 

Hundeschule.

Wir besuchen eine der größten Hundeschulen in Frankreich. Dafür müssen wir uns bei Maria und bei ihren unzähligen Bekannten und Freunden bedanken, die geholfen haben, das zu organisieren. Die Schule ist grandios – ein richtiger Betrieb. Uns wird alles gezeigt und erklärt. Wir machen einen Rundgang durch das Schulgelände, plötzlich erschreckt sich Cassandra zu Tode und springt mit einem herzzerreißenden wimmern zur Seite. Mich trifft fast der Schlag. Ich habe noch nie meinen Hund so jämmerlich winseln gehört. In Bruchteilen von Sekunden stelle ich mir alle möglichen Katastrophen vor: von einer Giftschlange bis hin zu einer Falle, welche die Pfote meines Hundes zertrümmerte. Und umso peinlicher war es die Ursache zu erfahren- am Boden lag eine Puppe. Ist es ein Zeichen von einem Kindheitstrauma im Welpenalter oder hat sie so etwas einfach noch nie gesehen? Schwere Frage. Wahrscheinlich muss ich ihr eine Puppe kaufen. Wir besichtigen Boxen für die Hunde. Die ganze Gruppe geht brav nach rechts, Cassandra alle meine Befehle ignorierend nach links. Dort steht ein Futtertrog und ihn zu inspizieren ist natürlich wesentlich wichtiger als alles andere. Unsere Gastgeber lachen nur nachsichtig.
Nach der Führung setzen wir uns zusammen mit den französischen Trainern und sie erzählen uns, wie es in Frankreich um Blindenführhunde bestellt ist. Wir hören wie verzaubert über Rechte und Regeln von welchen Hundeführer in Österreich nur träumen können. Traurig, aber wahr: Als Blinde muss man wirklich in Frankreich leben.
Das war die beste Exkursion in Paris.

 
 

Disneyland Paris.

Wir sind in Disneyland. Das ist ein Märchentraum für Kinder und Erwachsene, aber nur für Sehende. Als Blinde kriegt man nur Bruchteile von diesem Traum mit - viel Musik, viel Lärm und enorme Menschenmengen mit einem Wort - Chaos und Stress pur. Unsere armen Hunde sind von fremden Leuten schon fast zu Tode gestreichelt worden. Wir sind inzwischen mit dem Zug gefahren, haben Geschäfte durchgesucht und haben wieder einmal bei McDonalds gegessen. Jetzt warten alle nur auf die große Parade von Märchenfiguren. Die Zuschauer bilden zwei breite Spaliere entlang der Hauptstraße. Die Musik dröhnt, die Spannung steigt. Endlich ist es so weit. Der feierliche Umzug beginnt. Zuschauer schreien vor Begeisterung und Klatschen in die Hände. Wir stehen mit Cassandra abseits um niemanden zu stören. Mein Hund ist müde, hat wahrscheinlich Durst und kommt irgendwie nicht zu ruhe. Plötzlich setzt sie sich entschieden in Bewegung mit mir im Schlepptau. Ich denke zuerst, dass sie zu Maria gehen will, die irgendwo in der Nähe stehen sollte. Aber ich höre ihre Stimme nicht mehr, nur das Gedränge um uns herum wird dichter und dichter. Ich versuche Cassandra zu bändigen, aber bei diesem Lärm und Menschenmenge gelingt mir das nicht. Ich höre, Cassandra beginnt zu gähnen–klares Zeichen, dass sie nervös ist. Sie macht das geräuschvoll mit einem tiefen ergreifenden innigen Grunzen. Die vor ihr stehenden Leute drehen sich um und blicken direkt in das weit aufgerissene riesige Maul, das mit nicht so kleinen Zähnen bestückt ist, welche den Wolfzähnen nichts nachstehen. Wer nicht sofort zu Seite springt, bekommt einen Klaps mit der Pfote in der Größe von einer kleinen Untertasse, die mit scharfen, langen Krallen geschmückt ist. Wir fliegen im Nu die ganze versammelte Menschenmenge durch. Mich bremst das Absperrungsband. Cassandra schlupft darunter hindurch ohne ihre Geschwindigkeit zu reduzieren. Ein solches Manöver hält die Schnalle vom Cassandras Halsband nicht mehr aus und ich bleibe vor der Absperrung mit der Leine und einem kaputten Halsband in der Hand stehen.
Ich höre eine begeisterte Kinderstimme: Schau mal, das ist doch Shaun – das Schaf aus dem Zeichentrickfilm.
eine müde Frauenstimme: und warum ist es schwarz und hat solche Zähne?
resolute Männerstimme: weil es einen Urlaub in Tschernobyl gemacht hat,
Alle lachen nur ich stehe wie vom Blitz getroffen. Wo ist mein Hund? Was kann ich jetzt unternehmen? Das Ausmaß der Katastrophe wird mir langsam bewusst: blind, alleine, ohne Sprachkenntnisse in einer riesigen Menschenversammlung. Bevor ich von blanker Panik in Ohnmacht falle, höre ich wieder eine Explosion der Begeisterung. Ich spüre wie etwas kaltes und nasses mich an der Hand stupst und ich traue meinen Finger nicht, die weiche Locken und hängenden Ohren abtasten – Cassandra! Sie neigt ihren Kopf herunter und etwas fällt zu meinen Füßen. Was ist denn das- Ein angebissenes Käsesandwich, es stinkt atemberaubend. Ich bin platt und nicht weil Cassandra sich wegen eines stinkenden Käsestückes losgerissen hat, sondern weil sie mir das erste Mal in unserem gemeinsamen Leben etwas gebracht hat und es wahrscheinlich mit mir teilen wollte.

 
 

Französische Küche.

Unsere Halbpension erlaubt uns am Morgen und am Abend im Hotel zu speisen. Kaffee - wichtigstes Element, um mich wach zu kriegen, ist in Ordnung, aber mein Traum von einem frischen Croissant zum Frühstück in Paris sollte nicht in Erfüllung gehen. Sehr, sehr, sehr schade. Ich habe sie in einem Geschäft einmal probiert. Die schmeckten so gut! Kein Vergleich mit dem, was man bei uns zu Hause bekommt.
Nachdem wir uns unterwegs nur von Sandwiches oder McDonalds ernährten, alles andere war aus Zeit- und Preisgründen unmöglich gewesen, gehen wir heute in ein Restaurant um endlich etwas Französisches zu essen. Wir nehmen Platz mit unseren zahlreichen Hunden draußen. Prompt kommt die Speisekarte. Sie wird zuerst von Französisch ins Englische und dann ins Deutsche übersetzt. Schlussendlich weiß ich genau so viel wie vorher. Meine Bereitschaft mit unbekannten Gerichten zu Pokern ist momentan gleich null, weil ich schon ziemlich hungrig bin, deswegen bestelle ich das Einzige, was ich verstanden habe, wieder einmal Sandwich. So viel dazu – französische Küche.
Cassandra ist auch sehr frustriert. Am Fußboden hat sie nichts Anständiges gefunden. Beim Herauskommen gehen wir bei einem Tisch vorbei, wo zwei Männer Wein trinken und etwas lebhaft besprechen.
Einer von beiden gestikuliert heftig mit den Händen, dabei hält er in einer Hand ein mit dem Weichkäse dick bestrichenes Stück Brot. Von einer solchen einladenden Geste konnte Cassandra selbstverständlich nichteinfach so weggehen. Mit einer unmerklichen Bewegung schnappt sie das Brot. Alles passiert so geschickt und elegant, dass der total vertiefte in der Diskussion Mann zuerst nichts merkt. erst als sein Gesprächspartner, der die ganze Szene beobachtet hat, beginnt zu lachen, schaut er verblüfft auf seine leere Hand. Das Käsebrot ist schon längst spurlos in Cassandras Maul verschwunden. Sie selbst stolziert ruhig weiter mit einer absolut unschuldigen Mine, ohne ihren Gang nur für einen Moment zu unterbrechen. Ich habe natürlich auch nichts gesehen. Aber Maria sieht alles. Sie ist schon mit einer Entschuldigung zur Stelle und bietet dem Betroffenen an das Brot nachzubestellen. Er schaut sie verständnislos an, dann nimmt er das letzte Stück Brot vom Teller und reicht es Cassandra. Sie nimmt es ganz langsam und vorsichtig nur mit den Lippen mit ihrem ganzen Wesen zeigend: Ich bin die manierliche Erziehung im Person. Dann schaut sie den guten Mann mit ihren großen, ewig traurigen schokoladenen farbigen Augen an, und er will sofort für den armen hungrigen Hund noch eine Portion bestellen. Wir räumen schleunigst den Platz. Nun mindestens hat Cassandra etwas von der französischen Küche profitiert.

Wir fahren schon zurück.
Wie immer zieht sich eine Woche zuerst unerträglich langsam dahin und dann verfliegt sie in Windeseile. Ich habe nichts gesehen und eigentlich nichts Neues über Paris erfahren. Aber diese Woche katapultierte mich aus meinem ziemlich eintönigen Alltag, rührte mich ordentlich durch, brachte neue Empfindungen und Erfahrungen und half mir meine eignen Grenzen zu erkennen. Deswegen bin ich sehr dankbar den Leuten, die diese Reise möglich gemacht haben, unseren Organisatoren und Begleitpersonen.
Orewuar Paris! Ich komme wieder. Aber nächstes Mal komme ich vielleicht für einen Monat und mit meiner Tochter, welche die unglaubliche Fähigkeit besitzt - überall auf der Welt gutes Essen sofort zu finden. Wir werden von einem Restaurant zum anderen gemütlich schlendern und sie wird mir detailliert beschreiben, was sie sieht. Paris, warte auf uns!