Anfang

August 2011 Als Kind wollte ich wie auch fast alle Kinder ein Haustier haben und zwar einen
kleinen, kuscheligen Hund, mit dem ich spielen und sprechen könnte. Meine Mutter war strikt
dagegen. Jeder meiner Versuche einen herumstreunenden Hund nach Hause mitzubringen wurde
im Keim erstickt. Als Trost habe ich Aquariumfische erhalten, um die sich niemand kümmern wollte
und ich am wenigsten. Dann kam noch ein Kanarienvogel, der die ganze Familie mit den ersten
Sonnenstrahlen weckte. Meine Angehörigen waren alles andere als begeistert. Ihr Geduld platzte
mit dem Eintritt der Weißen Nächte, denn die in unseren nördlichen Kreisen dauern ziemlich lange.
Schlussendlich bekam ich einen Hamster. Er war niedlich, aber hatte sehr große Vorliebe zum
Klettern. Während einer seiner abendlichen Spaziergänge durch die Wohnung, als meine
Großmutter auf einem vor der Wand stehenden Stuhl saß und strickte, kletterte er über ihren
Rock, der bis zum Fussboden reichte, nach oben. Die Bluse der Großmutter war nicht in den
Rock eingesteckt. Der neugierige Hamster setzte sein Klettertour fort. die arme Großmutter bekam
einen hysterischen Anfall, als sie merkte, dass etwas über ihren Rücken unter ihrer Bluse kriecht.
Das Schicksal des Hamsters war besiegelt. Ihn hat meine Kusine erhalten. Später kamen andere
Interessen und die Kinderträume verblassten. Ich bin erwachsen, selbstständig geworden und wollte
keinen Hund mehr, sogar dann nicht, als ich zu erblinden begann und dringend eine Hilfe und einen
Trost brauchte. Nur die bloße Vorstellung, wie viel zusätzliche Arbeit und welche Verantwortung
auf mich zukommen würden, entmutigte mich sofort. Alle seelischen Kräfte wurden zum Kampf
gegen die unausweichliche Erblindung verbraucht. In meinem Elend und Verzweiflung gab es keinen
Platz für ihn. Erst als ich mich als Blinde zu akzeptieren lernte, begann der Gedanke über den
Hund in mir unauffällig zu gedeihen. Aber noch immer sagte ich, dass ein Blindenführhund für mich
nicht in Frage kommt. Es mangelte nicht an Ausreden: von „in unserem Ort gibt es keinen Tierarzt“
bis zu „die Hunde stinken“. Und dann kam einmal auf mich so etwas wie eine Erleuchtung oder
Berufung oder Welle, man nenne es wie man wolle. Plötzlich wusste ich absolut bestimmt und
sicher, dass ich einen Hund brauche. Die vernünftigen Argumente von mir selbst, Bekannten und
Freunden haben ihren Sinn verloren. Diese Idee hat mich ganz gepackt und nicht mehr los
gelassen. Plötzlich hatte ich die Antworten auf alle Einwände und für die bevorstehenden Probleme
fanden sich sofort Lösungen. Dann lief alles wie am Schnürchen: die Auswahl der Schule, die
Terminvereinbarung, die Organisation des Transportes, als ob eine unsichtbare Hand alle
Hindernisse ausradierte und mir den Weg nach Graz ebnete, wo sich diese Schule für die
Blindenführhunde befindet. Ein Zivildiener vom Blindenvrband fährt mich mit dem Auto dorthin. Die
unzähligen Tunnels geistern nacheinander, wie auch meine Gedanken: Dunkel – hell, dunkel – hell.
Was erwartet mich in der Hundeschule? Bis jetzt begrenzten sich meine Erfahrungen mit Hunden
auf eine Woche, als meine Freundin in den Urlaub fuhr und ihren schwarzen riesigen Dobermann zu
uns brachte, mit der Bitte sich um ihn zu kümmern. Kein Problem! Meine Tochter war begeistert.
Ich am Anfang auch. Djuk, so hieß er, war in gleichem Maße lieb und freundlich wie auch verzogen
und ungehorsam. Wir bewunderten seine Intelligenz und Frechheit. Einmal machte ich
Hascheeknödel und war in meiner Arbeit total versunken, weil ich noch nicht über die nötige
Fertigkeit zur Knödelproduktion verfügte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Gesichtsfeld schon sehr
stark eingeschränkt und ich konnte nur im Zentralbereich etwas sehen .Ich drehte Knödel und legte
die Fertigen auf den Tisch rechts neben mir. Alles klappte und ich freute mich über meine
Geschicklichkeit. Aber nicht nur ich war so geschickt. Djuck war es auch. Auf leisen Pfoten kam er
zum Tisch und machte es sich gemütlich rechts von mir. Er war so groß, dass sein Kopf sich auf
dem Niveau des Tisches befand. Und dann ging alles wie am Fließband: ich drehe einen Knödel,
lege in rechts hin, Djuck streckt seine Zunge raus und räumt den Knödel ab. Er machte das alles
so elegant und still, dass ich nichts hörte und sehen konnte ich sowieso nicht. Die rechtzeitige
Erscheinung meiner Tochter rettete unser Mittagsessen und Djuk seinen Magen, sonst wäre er
wahrscheinlich geplatzt. Sich zu ärgern über diesen großartigen Frechdachs konnte ich nicht. Ihn
auszuschimpfen war einfach sinnlos. Er hörte alles, was ich zu sagen hatte, schaute mich traurig
mit seinen großen schokoladebraunen Augen an, seufzte und zeigte gänzliche Reumütigkeit und
vollkommene Demut, um im nächsten unbeobachteten Augenblick noch irgendwelche Streiche
abzuspielen. Nach seinem Aufenthalt blieben uns zerkratzte Parkettböden und die feste
Überzeugung – das Hunde klüger sind, als wir denken. Aber um Dobermänner mache ich seitdem
einem großen Bogen. Nachmittag in der Hundeschule. Noch zu Hause hörte ich nur einmal über
Curly Coated Retriever und verfiel dieser Rasse sofort. Als meine Tochter die ersten Bilder von
Curly im Internet sah, war ihr Kommentar kurz und bündig- „O, ein Schwarzes Schaf!“. In der Tat
ist der ganze Körper mit dichten, dunklen Locken bedeckt, sogar kleine hängenden Ohren sind mit
kurzen Locken geschmückt. Wie diese Schönheit entstand ist schwer zu sagen. In 400 Jahren,
die Curly als Rassetyp bekannt ist, haben viele seinen Senf dazu gegeben. Angeblich standen am
Anfang ein Neufundländer und ein Irish Water Spaniel. Die Mitwirkung von Pointer wie auch
Setter und Pudel gilt als ziemlich sicher. Wann, wer mit wem und in welche Reihenfolge gekreuzt
wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar, aber das Ergebnis lässt sich zeigen: kräftiger, drahtiger
Körperbau, größer als die anderen Retrieverrassen, festes, kräuselhaariges Fell, das nahezu
wasserdicht ist, gut proportionierter Kopf mit dunkelbraunen Augen,, intelligent , freundlich, aber
doch zurückhaltend Fremden gegenüber und ausgeprägter Wach- und Schutzinstinkt. Je mehr
ich über diese Hunde erfuhr, desto überzeugter wurde ich. Und jetzt sitze ich auf der Couch in der
Hundeschule und warte auf die erste Begegnung mit meinem Traum. Hier gibt es verschiedene
Rassen, aber ich will keine anderen Hunde besichtigen, sogar niedliche Pudelwelpen wecken in mir
kein Interesse. Ich warte auf Curly. Und da sind sie endlich. Zwei hübsche Schwestern: Cassandra
und Chilly. Welche kann meine Begleiterin werden? Ob sie mich überhaupt riechen können? Wenn
ich jetzt einen Fehler mache, kann es später zu vielen Problemen führen. Ich bin nervös und
verunsichert. Die Hunde kommen immer wieder zu mir, lassen sich streicheln und dann laufen sie
wieder weg. Wie kann ich einen Hund auswählen, wenn ich seine Augen, seine Haltung nicht
sehe. Ich bin verzweifelt. Die Trainerin beruhigt mich. Sie beobachtet von der Seite alles was im
Zimmer passiert, wie die Hunde sich mir gegenüber verhalten und sagt dann, dass grundsätzlich
beide Hunde zu mir passen würden. Ich streichele und taste sie immer wieder ab und beginne sie
voneinander zu unterscheiden. Die Besonderheiten im Verhalten werden auch erkennbar. Nach
kurzem Überlegen steht die Entscheidung fest – Cassandra. Die Trainerin räumt mir noch
Bedenkzeit ein, ich kann noch überlegen und anders entscheiden. Aber ich brauche das nicht.
Meine Wahl ist endgültig und das ist Cassandra.

 
 

Ich fahre wieder nach Graz

Januar 2012
Ich fahre wieder nach Graz, um meinen zukünftigen Führhund zu besuchen. Maria – unsere, Trainerin meint: Solche Besuche stärken die Bindung zwischen Mensch und Hund.
Das Vorankommen geht nur langsam. Unser Zug ist wie eine Dorfklatsche – läuft schnell, aber bleibt bei jeder Milchkanne stehen. Man braucht schon eine bestimmte Menge Gelassenheit und Geduld. Endlich ist der Umstieg in Selztal. Jetzt mit dem Intercity fährt man wesentlich entspannter, aber nicht lange. Nach 5 Minuten Stopp! Ansage: Unsere Lok hat Probleme. Wir bitten um Geduld. Nach 15 Minuten kommt die nächste Hiobsbotschaft: Unser Lokomotive hat Totalschaden und wir haben eine Reserve angefordert. Ihre voraussichtliche Ankunft ist in einer Stunde. Na prima! Gott sei Dank wir sitzen nicht im Flugzeug, das über den Atlantik fliegt. Was macht man, um die Wartezeit zu verkürzen? Richtig! Man nimmt das Handy heraus und telefoniert bis der Akku leer ist. Von allen Seiten in mehreren Sprachen höre ich geschäftliche Mitteilungen, private Beichten, amüsante Geschichten.
Die Zeit vergeht ziemlich schnell und siehe da, nach einer Stunde fahren wir wirklich weiter.
Der restliche Weg war problemlos und unspektakulär.
Abend. Gästezimmer in der Hundeschule.
Vor mir sitzt mein Hund – Cassandra. Ihr Kopf ruht auf meinen Knien. Ich kraule sie zärtlich, habe vor lauter Sentimentalität feuchte Augen und Bilde mir ein, dass sie mich erkannt hat und diese Zutraulichkeit gilt mir und nicht einfach jemanden, der nur Leckerli hat. In der Nacht schläft sie ganz ruhig und entspannt bei mir im Zimmer. Ich aber kann lange nicht einschlafen. Die Aufregung des Tages war zu groß. Morgen am Abend werde ich ein Glas Rotwein trinken, dann schlafe ich vielleicht besser.
… und dann kam der Tag zwei.
Vormittag. Gemeinsames Training. Cassandra demonstriert, was sie alles gelernt hat. Ich bin sehr beeindruckt. Es ist noch nicht perfekt, und man muss noch viel zusammen arbeiten, schließlich bin ich dazu hierhergekommen.
Mittagspause. Ich ruhe mich aus. Der Schlafmangel macht sich bemerkbar. Cassandra schleicht sich irgendwo im Haus herum.
Nach der Pause kommt die Trainerin und fragt, ob ich Cassandra eine Schokolade gegeben habe oder vielleicht sie mir etwas gestohlen hat.
• Nein, nichts dergleichen. Und was ist los?
Cassandra erbrach, und die Trainerin glaubt die Schokoladereste festzustellen.
O, je-! Ich bekomme Gewissensbisse wegen der Unmengen Leckerli, die ich dem Hund schon verfüttert habe. Aber nicht die Hundekekse waren das Problem, sondern wirklich Schoko-Pralinen, die Maria zu Weihnachten erhalten hatte.-. Dieses Schlitzohr – Cassandra fand diese irgendwo und, wie es bei den Retrievern Brauch ist, sofort verspeiste. Minuspunkt für ihr Benehmen, aber Plus für ihre Intelligenz. Ich nehme an, die Pralinen standen nicht am Fußboden für sie bereit. Diese musste man zuerst finden und dann so Geschick anstellen, dass es niemand sieht, und das in der Wohnung von Maria. Aber kleine Sünden bestraft Gott sofort - Cassandra erbrach alles. Und prompt erhielt sie von der wütenden Maria eine zusätzliche Trainingsstunde für ihr Benehmen.
Nach der ganzen Aufregung gehen wir wieder trainieren. Der Hund ist unkonzentriert und zieht mich hinter sich mit der Kraft und Bestimmtheit eines Panzers. Ich aber bringe es nicht übers Herz sie zu rügen und immer wieder zu halten, um das Tempo nach meinem Wunsch zu bestimmen. Stattdessen galoppiere ich gehorsam ihr nach, bis Maria Erbarmung mit mir hat und die Steuerung von Cassandra übernimmt. Jetzt kann ich aufatmen und eine Zeitlang entspannt gehen wie es eigentlich sein sollte. Endlich sind wir wieder zu Hause. Aber der Tag ist noch nicht zu Ende. Am Abend steht Buschenschank –Besuch am Programm. Mir ist es recht. Beim letzten Besuch haben wir dort einen unglaublich guten Weißwein getrunken.
Der Weg vom geparkten Auto bis zur Buschenschank erwies sich aber als endlos, obwohl er nur ein paar Meter beträgt. Cassandra wollte nicht Fuß gehen und nach jedem zweiten Schritt haben wir halt gemacht, Na, ja- Wer hat mehrGeduld?
In der Buschenschank ist alles so, wie es sein sollte. Für die Hunde ist Platz unter dem Tisch reserviert. Aber für Cassandra einfach zu liegen und die Beine zu betrachten ist zu langweilig. Zentimeter für Zentimeter kriecht sie zwischen den Stühlen und Füßen und schließlich ist ihr Kopf im Durchgang. Sie kann jetzt alles beobachten und unter Kontrolle halten einschließlich eines hübschen Kellners, der schließlich über sie stolpert. Als ich versuche sie zurück unter den Tisch zu befördern, ist sie empört und wehrt sich heftig. Sie hat doch nichts gemacht und meinen Befehl „Platz“ brav ausgeführt und die ganze Zeit am Fußboden liegen geblieben. Also was will man noch vom armen Hund? Der zweite Teil des Befehls Platz „und bleib!“ hat sie nicht gehört- was man nicht hören will braucht man ja auch nicht zu hören!
Endlich sind wir wieder im meinem Zimmer. Ich bin müde und will schlafen. Cassandra ist aber heute total unruhig. Sie wälzt sich in ihrem Korb, seufzt, steht immer wieder auf, legt sich manchmal auf den Fußboden und dann wieder in den Korb. Ich mache mir Sorgen. Vielleicht geht es ihr nicht gut, vielleicht hat sie Durst oder Schmerzen? Was muss ich machen? Aber sie winselt nicht. Dann es ist wahrscheinlich um sie nicht so schlecht bestellt... Mit diesem tröstlichen Gedanken schlafe ich ein.
Mir wurde leider nur eine kurze Zeit zum Ausruhen gegönnt. Mein Bauch meldete mir dringlich und unmissverständlich, dass ich mich am schnellsten Weg zur Toilette begeben sollte. Ich sprang auf, Cassandra mit Begeisterung auch. Es ist kein leichtes Unterfangen in einem fremden großen, Haus einen Weg zur Toilette zu finden, besonders wenn man blind ist und der gesuchte Ort hinter einer Stufe nach unten, entlang der Wand, eine Stufe nach oben, links Abbiegen entlang der Wand bis bei der Tür zur Dusche vorbei, rechts abbiegen, die nächste Tür öffnen und gleich wieder links abbiegen und die letzte Tür öffnen, versteckt ist. Ich habe es geschafft rechtzeitig dorthin zu kommen. Mit Erleichterung lasse ich mich nieder. Jetzt kann man gründlich und gemächlich überlegen, was ich alles falsch gegessen oder getrunken habe. Aber es gibt für mich keine Ruhe, sogar am stillen Örtchen. Mit ohrenbetäubendem Krach fällt etwas im Zimmer oder in der Küche herunter. Klar, Cassandra verliert keine Zeit und amüsiert sich prächtig. Jetzt wird das ganze Haus wach und ich kann noch nicht rausgehen, um Cassandra zu bändigen. Peinlich, peinlich. Sei, was es wolle, ich bleibe hier sitzen. Draußen ist alles wieder still. Ich beruhige mich und nach einer bestimmten Zeit bin ich bereit den Rückweg in mein Zimmer einzuschlagen. Vorsichtig öffne ich die Tür, dann nach rechts die Zweite Tür, dann nach links und so weiter und weiter und plötzlich begreife ich, dass ich falsch gehe. Nur keine Panik! Ich drehe um und taste mich zurück zur Toilette durch. Aha-_- Hier ist sie. Zweiter Versuch und ich verlaufe mich wieder. Das gibt es doch nicht! Das ist nur ein Haus und nicht eine unbekannte Stadt. Nun, gut. Die einfachste Regel für die Verirrte in einem Labyrinth . – man geht immer entlang einer Wand und folgt allen Wendungen. Ich mache das ohne lange nachzudenken wo ich mich befinde. Ich weiß es so wie so nicht. Und plötzlich spüre einen Duschvorhang. – Jetzt ist alles klar. In meiner Abwesenheit hat Cassandra die Tür zum Badezimmer geöffnet und ich bog dorthin ein ohne es zu merken. Die Orientierung ist wieder da und ich kann endlich in mein Zimmer gehen. Meine Freude war aber voreilig. Mit meinem Stock taste ich ein großes Hindernis am Fußboden. Wahrscheinlich ist es das, was Cassandra umgeschmissen hat. Ich hocke mich hin und prüfe mit den Händen, was es sein könnte. O Schreck! Vor mir am Rücken liegt mein Hund. Sie bewegt sich nicht, gibt von sich kein Mux und reagiert nicht auf meine Berührungen oder Stimme. Ein Schauder läuft mir über den Rücken – Cassandra ist tot. In ihrem Übermut hat sie etwas umgeschmissen, hat ein Schlag am Kopf gekriegt und jetzt liegt mein armes Hundchen hier, ihre schönen, schlanken Beine nach oben ausgestreckt. Stopp! Tote Hunde strecken doch die Beine nicht nach oben. Dieses Biest hat mich wieder reingelegt! Ich packe sie unsanft und schüttele sie kräftig. Ihr ist das nur recht so. Sie springt mit Freude auf und will spielen. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Ins „Zimmer - “ brülle ich Und sie führt mich ganz ruhig ins Zimmer und zeigt sogar die Stufen. Ja, es passieren noch Zeichen und Wunder!
… und dann kam der Tag drei
Morgen. Cassandra will Gassi gehen. Man muss wohl aufstehen. Na ja. Niemand zwang mich dieses Los auszusuchen, deswegen ist kein Jammern angesagt, sondern hop, hop aus dem warmen Bettchen. Hier habe ich es noch ziemlich gut. Man muss nur dem Hund eine Tür zum umliegenden Garten öffnen und dabei braucht man nicht selbst ins Freie zu gehen. Bei mir zu Hause werde ich diesen Luxus nicht haben und bei jedem Wetter nach draußen gehen müssen. Ja, es gibt was zum Nachdenken.
Die nächtlichen Erlebnisse bauen mich auch nicht besonders auf. Der Körper und Geist schreien nach einer großen Tasse heißen und starken Kaffee. Ich schleppe mich in die Küche, lande aber in irgendwelchen kleinen Durchgang. Mein Orientierungsvermögen ist wirklich sagenhaft, leider im negativen Sinn. Ich versuche mich selbst zu überzeugen, dieses Problem als positiv zu betrachten und rede mir ein, dass dadurch mein Leben mit neuen möglicherweise interessanten Erfahrungen bereichert wird.
Na bitte. Mein Stock stößt auf irgendetwas in der Mitte des Durchganges. Ich höre ein undefinierbares Geräusch. Was könnte es jetzt sein? Cassandra ist es sicher nicht. Sie macht draußen ihre morgendlichen Fitnessübungen. Nun muss ich mich wohl wieder knien und abtasten. O Gott! Dieses etwas ist nicht groß aber warm und lebendig und schnauft. Beim flüchtigen abtasten kommt es mir so vor, wie ein überdimensionales, prall gefülltes Würstchen, so zu sagen eine Knacker die in einen dünnen Seidenteppich gewickelt ist. Ich versuche einen Kopf zu finden, aber beide Enden sehen irgendwie gleich aus. Meine Forschungen werden unsanft unterbrochen. Kleine scharfe Zähne schnappen meinen Finger. Au! Es tut nicht wirklich weh, aber der Überraschungseffekt ist groß. Jetzt ist alles klar.
Nur Bully hat diese nette Manier sich vorzustellen – nämlich mit den Zähnen. Er schnappt sofort nach allem, was sich in seiner Reichweite bewegt, egal ob das ein Finger oder eine Nase oder eine Pfote ist. Man es kann ihm auch nicht übel nehmen. Er ist doch eine französische Bulldogge und dazu noch sehr, sehr jung. Im Rudel ist er der kleinste. Die großen Hunde betrachten ihn wahrscheinlich als eine Kuriosität und nehmen ihn nicht ernst. Aber die kleine Bulldogge weiß sich durchzusetzen. Die Großen müssen lernen, dass auch solche Hunde wie Bulli existieren und man sie mit bestimmtem Respekt behandeln soll.
Das Treffen mit dem Kleinen Bully erheitert mich. Wenn sich so ein kleiner, hässlicher Zwerg überall zu Recht findet und von allen Seiten Liebe und Achtung erntet, dann könnte ich mich vielleicht auch in dieser Welt behaupten trotz meiner Behinderung und Alter. Ich muss ihm nachstreben.
Die Küche ist gefunden. Der nächtliche Frust und die frühmorgendliche mürrische Stimmung sind mit den zwei Tassen Kaffee weggespült. Ich höre das Knurren und Schnaufen vom kleinen Bully. Er inspiziert die Küche und lässt sich von Cassandra und anderen nicht stören. Der Tag beginnt gut.
Der nächtliche Übermut von Cassandra richtete nicht viel Schaden an. Auf einem Wandregal lag ein kleines Päckchen mit Futter. Sie holte dieses unter der logischen Annahme, wenn niemand da ist, dann ist Selbstbedienung angesagt. Die in der Wand locker sitzenden Schrauben konnten die stürmische Begeisterung von Cassandra nicht aushalten und das Regal fiel herunter. Alle im Haus Anwesenden hörten diesen Krach, aber niemand machte sich Mühe nachzusehen, was passiert ist. Meine wütende Stimme überzeugte alle, dass mit mir alles in Ordnung ist und wegen des Möbelschadens lohnte es sich nicht aufzustehen, Hier ist so wie so alles so eingerichtet, dass man nichts wirklich kaputt machen kann.
Natürlich solche Aktivitäten von Cassandra fanden kein Verständnis bei Maria. Sie will ihr eine Lehre erteilen. Das Regal wird wieder an der Wand aber nur ganz provisorisch befestigt. Maria legt dort das Leckerli hin und stellt dazu jede Menge leeren Blechdosen. Bei der leichtesten Berührung wird das Ganze mit einem donnernden Krach runterfallen. Und einen Hund abschrecken in Zukunft noch einmal so etwas zu machen. Aber Cassandra ist intelligent genug und kapierte wahrscheinlich schon in der Nacht, dass es besser ist, um dieses Regal ein Bogen zu machen, egal wie verlockend es von dort riechen mag. Das Regal bleibt unversehrt bis zu meiner Abreise.
Der Tag verläuft weiter ganz gut mit dem fleißigen Training, den kleinen Niederlagen und Siegen und großer Hoffnung, dass einmal alles klappen wird und wir mit Cassandra ein eingespieltes Team werden.

 
 

Ein guter Tag

Ein guter Tag …
April 2012
Der Tag beginnt gut. Ich wache vor dem Wecker auf und brauche nicht seine gefühllose mechanische Stimme zu hören, die an einen alten und wütenden Raben erinnert. Ich muss endlich einen neuen Wecker mit einer besseren Stimme oder vielleicht sogar mit einer schöneren Melodie kaufen. Aber nicht heute, heute fahre ich wieder nach Graz um Cassandra zu besuchen. Frischfröhlich springe ich aus dem Bett. Dumm von mir. Es wäre besser, ich hätte das nicht getan. Nein, aufstehen sollte ich schon, aber ohne diesen tollkühnen Schwung. Wie viele Male wiederholte unser Yoga-Lehrer: Eure Bewegungen müssen ruhig und fließend, im Einklang mit dem Atem sein. Nur so vermeidet ihr Fehler und erreicht Harmonie. Alles umsonst. Einige Trotzköpfe wie ich können nur aus den eigenen Fehlern lernen. Ein glühender Stich im Kreuz lähmt mich inmitten der Bewegung. Ich höre auf zu atmen und horche mit Entsetzen in mich hinein – Hexenschuss oder vielleicht nur ein Krampf? Die Antwort war in bester Tradition meines Lebens zweideutig - es ist ein Hexenschuss, aber ich kann mich noch vorsichtig bewegen. Unter Berücksichtigung aller möglichen Vorsichtsmaßnahmen begebe ich mich in die Küche, schalte die Kaffeemaschine ein und gehe dann ins Bad. Man muss hier erwähnen, dass ich eine einfache Filterkaffeemaschine habe und beabsichtige nicht sie gegen eine moderne „alles kann“ Maschine zu tauschen. Wenn ich einmal Gusto auf einen Cappuccino oder einen Espresso bekomme, dann muss ich zwangsläufig ins Cafe gehen und das ist gut so, sonst würde ich meine vier Wände wochenlang nicht verlassen. Frischgeputzt komme ich zurück in die Küche. Die Kaffeekanne ist leer – ich habe vergessen das Wasser einzufüllen. OK. Kein Grund sich zu ärgern, passiert mir oft. Das Wasser hinein, selbst hinaus – um die restlichen Sachen für die Reise einpacken. Ein zweiter Versuch Kaffee zu kriegen und wieder nichts! Was ist jetzt los? Ich prüfe mit den Fingern. Das Wasser ist da, der Filter ist auch auf seinem Platz aber kein Kaffeepulver drin. OK. Nur keine Panik! Aller guten Dinge sind drei! Kaffee hinein, selbst hinaus, um sich umzuziehen. Umgezogen und für die Reise bereit komme wieder in die Küche. Die Kaffee Kanne ist leer! Ich habe vergessen den Schwenkteil mit dem Filter und Kaffeepulver zurück zu schieben. Ich versuche positiv zu bleiben, richte die Kaffeemaschine ein und bleibe vor ihr stehen. Der Kaffee fließt in die Kanne, ein aufmunternder Geruch verbreitet sich in der Küche. Uff, zu guter Letzt bekomme ich meinen Kaffee und mache den ersten Schluck, dabei drücke ich den Knopf meiner sprechenden Uhr und der alte Rabe verkündigt mir, dass ich schleunigst zur Haltestelle laufen soll. Das versuche ich zu tun, aber mit der Reisetasche in einer Hand, dem –Blindenstock in der anderen und dem Hexenschuss im Kreuz gelingt es mir nur die Geschwindigkeit von einer Raupe zu erreichen. Als ich auf die Zielgerade komme, fährt mein Bus von der Haltestelle ab und brummt gleichgültig an mir vorbei. Na ja. Wie meine russische Freundin zu sagen pflegt: heute ist ein guter Tag, um sich zu erhängen. Ich hole aber mein Handy heraus und rufe ein Taxi an. Dieses Transportmittel ist natürlich teurer, aber ich komme bequem bis zum Bahnhof und
brauche nicht in die Straßenbahn umzusteigen, damit kann ich die versäumte Zeit nachholen. Das Taxi kommt, wir fahren los. Ich habe gute Chancen meinen Zug rechtzeitig zu erreichen. Aber der Mensch denkt, Gott lenkt. Nach ein paar Kilometern bremst uns eine Warntafel: Achtung! Felsenräumung. Die Wartezeit bis zu 20 Minuten. Wie Recht meine russische Freundin hat! Am Bahnhof beim dem Info Point wartet auf mich jemand vom bestellten Begleitdienst. Und ich sitze hier fest vor diesen ungeräumten Felsen und kann weder vorwärts, noch zurück- Na prima! Irgendwann kommen wir doch zum Bahnhof. Ich steige aus und versuche die Leitlinie die zur Treppe führt zu ertasten. Dieses verhexte Leitsystem ist immer da, wenn man es nicht braucht und nie auffindbar, wenn man sie dringend braucht. Und von hilfsbereiten Passanten ist auch keine Spur. Ich kontrolliere meine Uhr nicht mehr, es ist sinnlos. Wenn die Leute vom Begleitdienst schon weg sind, dann hilft mir nichts mehr. Zu meinem Erstaunen warten sie noch auf mich und eilen mir schon entgegen. Ohne Zeit zu verschwenden, fragen sie nur kurz: Nach Graz? und nach meinem bestätigenden Nicken schnappt einer meine Tasche, der andere mich selbst und wir rennen wie verrückt zum Zug. Er steht noch. Die Waggontür geht auf. Meine Tasche fliegt hinein, nach ihr ich selbst. Die Tür geht zu. Der Zug fährt ab; ich bin keine Sekunde zu früh. Jetzt wäre es nicht schlecht festzustellen, ob ich mit dem richtigen Zug fahre und einen Sitzplatz brauche ich auch. Ich öffne die Tür in dem Waggon und trete hinein. Meine Reisetasche schiebe ich vorsichtig mit dem Fuß, weil die Schmerzschraube im Kreuz mir jede Möglichkeit sich vorzubeugen raubt. Alles ist still, niemand eilt mir zu Hilfe. Na gut, dann muss ich wohl zwangsläufig die Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ich mache eine unauffällige Bewegung mit dem Kopf, die Spange, die mein Haar hoch gehalten hatte, fliegt laut klirrend zum Boden. Meine blonde Mähne rutscht runter und bedeckt mich bis zu Taille. Eine Wolke von französischem Parfum strömt in alle Richtungen. Das ist eine todsichere Nummer in meinem Arsenal, aber nicht heute. Ich höre keine Reaktion, keine zu mir eilenden Schritte nur eine teilnahmslose Stille. Ich bleibe verdutzt stehen. Sind hier alle blind und taub? Oder was? „Ihre Fahrkarte bitte“ höre ich plötzlich hinter mir. Ich drehe mich um. Der Schaffner erkennt sofort, dass ich blind bin und hilft mir einen Platz im nächsten Waggon zu finden. Wie es sich herausstellte war dieser Waggon für eine Gruppe irgendwelcher Sportler und ihrer Fans reserviert. Sie würden erst bei der nächsten Haltestelle einsteigen. Mein Spektakel war umsonst. Niemand konnte es in Würde schätzen. Macht nichts. Ich bin schon heilfroh, dass ich im richtigen Zug sitze. Der Platz ist bequem und ich kann meine Beine ausstrecken, was braucht man mehr. Bis zum Umstieg im Selztal ist noch lange Zeit und ich kann mich endlich ein bisschen ausruhen. Da kommt prompt die Ansage. Auf der Strecke zwischen Klaus und Hinterstoder haben wir heute Bauarbeiten und die Fahrt wird mit den Busen fortgesetzt. Der Schaffner beruhigt mich. Er wird mich persönlich zum Bus bringen, ich muss auf ihn warten. OK. Bis nach Klaus dauert die Fahrt lange genug. Im Waggon ist es angenehm warm und ich ziehe meine Jacke aus. Dabei nehme ich die kleine Handtasche ab, die ich immer über meine Schultern trage. Endlich kommt Klaus. Alle stürzen diszipliniert nach draußen, um in die Busse umzusteigen. Ich bleibe allein zurück, ziehe meine Jacke an und bin total nervös und verunsichert. Ob der Schaffner mich nicht vergessen hat? Da kommt er schon gelaufen, schnappt meine Reisetasche und wir eilen zum Bus. Die ganze Umlade-Operation wird blitzschnell abgewickelt, um die Anschlusszüge nicht zu verpassen. Kaum bin ich im Bus, fahren wir schon. Wie üblich prüfe ich sofort, ob ich alles bei mir habe. Mein Herz stolpert und beginnt dann zu rasen. Ich habe meine kleine Handtasche im Zug vergessen. Dort liegen alle meine wichtigsten Sachen: Dokumente, Geld, Handy. Nur keine Panik! Ich spreche den Schaffner an, der mit uns fährt und erkläre ihm die Situation. Er ruft sofort einen Kollegen im verlassenen Zug an. Die Tasche wird gleich gefunden und mit dem nächsten Zug nach Graz gebracht. Die Ö.B.B. hat alles im Griff. Alle anderen Umstiege gehen problemlos von der Bühne. Die herzliche Begrüßung von Cassandra und Maria in Graz lassen mich sofort alle Unannehmlichkeiten der Reise vergessen. Cassandra ist noch ein Stückchen größer und kräftiger geworden. Sie erkennt mich und weicht nicht mehr von meiner Seite. Es gibt noch ein klitzekleines Problem. Man muss meine Handtasche, die mit dem nächsten Zug kommt, abholen. Bis dahin sind es noch ca. zwei Stunden. Wir gehen zuerst essen, dann machen wir einen Spaziergang. Cassandra führt mich ruhig und selbstbewusst. Ihr majestätischer Gang hat nichts mehr mit der holprigen Zick-Zack-Bewegung der Anfangsphase zu tun. Die Glückseligkeit überfüllt mein Herz. So könnte ich stundenlang gehen. Die Zeit verfliegt viel zu schnell und wir müssen schon zurück zum Bahnhof. Die große Informationstafel verkündet, dass unser Zug zum Bahnsteig fünf kommt. Wir haben noch genug Zeit und schlendern dorthin ohne Eile. Wir bleiben bei einer Bank stehen und reden weiter. Es gibt so viel zu besprechen. Zum Bahnsteig 4 kommt ein Zug an. Der Lärm von den Passagieren auf dem Nebensteig schwelt auf und verebbt wieder. Wo ist eigentlich unser Zug? Plötzlich vernehme ich eine Stimme vom andern Steig: Sind Sie die blinde Frau, die auf ihre Tasche wartet? Ja, rufe ich verzweifelt zurück. Es ist klar, dass wieder etwas schief gelaufen ist und wir falsch stehen. Zwischen mir und meiner Tasche liegt ein Gleis. Es ist sonnenklar, dass keine Möglichkeit besteht in diesen paar Minuten, die bis zur Abfahrt des Zuges geblieben sind hinzukommen. Was tun? „Werfen Sie mir die Tasche hierüber“ verlange ich in einem keine Einwände duldenden Ton und erschrecke mich selbst über meine Frechheit. Der arme Schaffner hat absolute Zeitnot und ohne zu überlegen tut er, was von ihm verlangt wird. Mit der ganzen Kraft seines jungen gesunden Körpers wirft er die Tasche in meine Richtung und verfehlt sein Ziel nicht. Mit der Wucht einer Kanonenkugel trifft die kleine Tasche meine Stirn. Ich sinke zu Boden. Nicht verwunderlich, wenn man berücksichtigt, dass in der Tasche ein schwerer Schlüsselbund auf einer großen Kette, eine Unmenge Münzen, die ich meinem Sparschwein zu verfüttern vergaß, Handy, Leckerli für den Hund und anderer nützlicher Kram liegen. Ich komme vom Knurren und Bellen eines Hundes wieder zu mir. Im Gehirn tauchen Zeilen auf: ausgeprägter Wach- und Schutzinstinkt. Das muss Cassandra sein! Maria hilft mir aufzustehen. Mein Kopf rauscht noch ein wenig aber ich steh ganz fest und plötzlich merke ich, dass die Schmerzschraube im Kreuz weg ist. So was! Muss ich vielleicht eine neue Methode zur Kreuzschmerzenbehandlung patentieren lassen? Ein Schlag am Kopf, 1 Minute voller Entspannung und fertig. Es ist zu überlegen.
Nun, im Graz haben wir nichts mehr zu tun und können ruhig nach Hause gehen, das heißt in die Hundeschule fahren. Der Tag neigt sich zu Ende. Zum Schluss zerkratzte ich nur noch meine Hand über den großen Rosenstrauch und bekam als Zugabe ein Dutzend Rosenstachel in die Haut, die Maria dann mit einer Pinzette leicht entfernen konnte. Das war alles nichts im Vergleich mit der stürmischen Begrüßung der alten Bekannten - . die französische Bulldogge Bulli und der Pudel Vinny. Eine Welle von Begeisterung und Freude, die von ihnen verströmte schlug über mich zusammen. Cassandra kam sofort und drängt alle anderen zur Seite. Sie zeigte eindeutig und unmissverständlich, dass ich zur ihr gehöre und dass alle anderen kein Recht auf meine Zuneigung haben. Es scheint noch lustig zu werden.

 
 

Erstes Mal Gassigehen

Der Juni in diesem Jahr schlägt alle Hitzerekorde. Mein sprechendes Thermometer am Balkon dreht durch und plappert ununterbrochen. Alle Beruhigungsversuche schlagen fehl. Das arme Gerät ist diesen Übergrenzwerttemperaturen eindeutig nicht gewachsen. Ich verpasse ihm einen Gnadenschuss und entziehe ihm die Batterien. Endlich ist es still und ich kann weiter angespannt auf einen Anruf aus Sant-Pölten warten, wo Cassandra bei dieser brütenden Hitze ihre Qualitätsprüfung meistern sollte.
Ja, ja. es ist schon fast ein Jahr seit unserer ersten Begegnung in der Hundeschule vergangen. Die spezielle Ausbildung Cassandras als Blindenführhund ist abgeschlossen. Jetzt kommt der Tag der Wahrheit. Aber diese Hitze! Wie kann man etwas leisten, wenn man einen dicken schwarzen Pelzmantel trägt und barfuß über glühenden Asphalt geht. Ich will mir das sogar nicht vorstellen. Endlich klingelt das Telephon.Hurra! Cassandra hat die Prüfung gleich beim ersten Anlauf bestanden! Ich bin begeistert. Jetzt steht nichts im Wege und unsere gemeinsame Einschulung kann beginnen.

Der erste Tag.

Heute sind Cassandra und unsere Trainerin Maria angekommen. Wir beginnen sofort mit dem gemeinsamen Training im der Umgebung von meinem Haus. Alles läuft wie von selbst. Grandios! Nicht dass ich an die Erzählungen anderer Leute über die Fähigkeiten der Blindenführhunden nicht geglaubt hätte, aber nicht ganz getraut. Es kam mir ein bisschen so vor wie bei Jäger- und Fischergeschichten. Dazu kamen noch meine Erfahrungen bei den früheren Treffen mit Cassandra. Sie ist ein großes und dazu sehr hübsches Schlitzohr. Ob sie auch so gut führen kann, wie sie aussieht und ob ich mich auf sie verlassen kann? Diese Fragen haben mich in den letzten Monaten sehr beschäftigt. Jetzt ist aber alles klar. Meine Zweifel waren unbegründet.
Zu Mittag koche ich für mich und Maria. Die Reste lasse ich auf der Herdplatte stehen und nicht vergessend, dass Retriver Fressmaschinen sind, schiebe die Pfanne ganz weit weg vom Rand bis fast zur Wand hin. Das sollte mein Abendessen sein. Am Nachmittag geht es weiter los. Wir erkunden die Umgebung, legen Wege zum Einkaufen und Gassi gehen. Die Sonne brennt wie am Vortag unbarmherzig. Dazu steigt die Feuchtigkeit. Ich kriege fast keine Luft mehr. Die zwei anderen Teilnehmerinnen unseres Trainings zeigen keinerlei Müdigkeitserscheinungen. Profis sind Profis!
Endlich ist Schluss. Unsere Trainerin fährt weg. Ich muss bis zu ihrer Ankunft morgen mit meinem Hund zu Recht kommen. Kein „Problem“ - optimistisch versichere ich sie, als sie bestimmte Zweifel äußert und schlägt mir vor, Cassandra vorläufig wieder mitzunehmen. Nein! Das ist mein Hund und er bleibt ab jetzt bei mir. Voll von den Tageseindrücken und Vorfreude rufe ich meine Tochter an und erzähle über alle die heutigen Ereignisse. Den Wasserfall meiner Begeisterung unterbricht ein verdächtiges Geräusch in der Küche, das ich nicht identifizieren kann. Ich gehe nachzuschauen. Zuerst merke ich nichts. Dann aber entdecke ich, dass mein Abendessen verschwunden ist. Ich habe Cassandra s Fähigkeiten zur Selbstbedienung eindeutig unterschätzt. Naja. Ich versuche das, als Anerkennung meiner Kochkunst zu interpretieren. Die Frikadellen vom Mittagsessen waren wirklich sehr gut. Betonung auf waren. Macht nichts. Bei dieser Hitze ist ein Salat eine ausgezeichnete Alternative.

Spätabends
Die erdrückende schwüle Hitze dieses Tages entladet sich gerade jetzt in ein ordentliches Gewitter. Es donnert und regnet und es kümmert niemanden, dass ich zum erstes Mal alleine mit Cassandra Gassi gehen muss. Und die Gummistiefel sind auch noch nicht gekauft. Die Zeit vergeht, der Regen nicht. Weiter kann man nicht mehr zögern. Ich muss mich zusammenreißen. Schlussendlich hat der Hund auch keine Gummistiefel.
Unter strömenden Regen gehen wir hinaus. So schlimm ist es eigentlich nicht. und der Regen gibt auch schon nach. Die Aktion ist endlich abgewickelt und wir können jetzt zurück gehen. Ich befehle, wie gelernt „Nach Hause!“ und mein Engel führt mich ordnungsgemäß. Nur noch eine kleine Treppe nach oben, dann ein paar Schritte nach rechts und dann links abbiegen und die zweite Tür ist mein Aufgang
. Ich entspanne mich und lasse mich von Kassandra führen. Sie macht das sehr überzeugend und zielstrebig, so dass ich überhaupt keinen Verdacht schöpfe. Sogar die nicht abgesperrte Haustür weckte in mir keine Zweifel, obwohl ich sicher war dass sie nach unserem Herausgehen ins Schloss gefallen ist. Wir gehen ins Stiegenhaus hineinund steigen munter die Treppe rauf. Ich versuche die Tür von meiner Wohnung zu öffnen. Der Schlüssel aber klemmt .Das fehlt mir noch. Mit einem Ruck fliegt plötzlich die Tür auf und ich höre eine ekelige -süße männliche Stimme: O-o-o, liebe Frau, endlich kommen sie mich besuchen, treten sie ein. Meine Frau ist gerade nicht zu Hause.
Das ist mein Nachbar aus dem ersten Aufgang, der mich auf einen Kaffee mit Whisky dauernd zu einzuladen versucht. Cassandra ist zu früh abgebogen und in die erste Tür hineingegangen. Und ich schwebte in Wolken anstatt sie zu kontrollieren. So viel zu der Frage Vertrauen. Ich erstarre von Peinlichkeit und bringe kein Wort heraus. Cassandra reguliert die Situation auf ihre Weise. Sie fletscht die Zähne, stößt ein lautes und ziemlich bedrohlich klingendes Gebrüll aus.
Und zerrt mich mit ganzer Kraft weg wieder zur Treppe runter und dann auf die Straße. Wir fliegen heraus wie ein Sektkorken. Nach mehreren Minuten galoppieren bleiben wir endlich stehen. Nun, was jetzt? Ich stelle mir sehr vage vor, wo wir uns befinden. Mir bleibt nichts anderes, als den Rat unserer Trainerin zu befolgen, die immer wieder betont: Der Hund findet immer zurück nachhause. Halte dich fest auf dem Führgeschirr und marschiere deinem Hund nach. Er wird vielleicht einen anderen Weg nehmen, aber irgendwann kommt ihr sicher nach Hause. Ich möchte ihr glauben. Frage ist nur, ob meine Hund schon weiß, wo ihr Haus ist. Ich gebe tapfer meinen Befehl: Nachhause“ und Cassandra marschiert genauso so tapfer los. Hier muss man erwähnen, dass ich in einer kleinen Siedlung wohne, wo alle Häuser gleich aussehen - - dreistöckige Gebäude, ohne jegliche architektonischen Ausschweifungen – Minimalismus in Anmarsch. Alle haben zwei Eingänge. Links von der Tür hängen die Postkästen und zum Hauseingang führt eine Stufe rauf. Also wir kommen wieder zu einer Tür. Sie ist abgeschlossen und lässt sich nicht öffnen. Das bedeuten nur eins – das ist die falsche Tür. Gott sei Dank sind mindestens die Schlösser unterschiedlich. Ein sehr schwacher Trost für mich. Wir gehen über irgendwelche Wiesen und Spielplätze. Ich erfahre über meine Siedlung viel Neues. Mein Haus bleibt doch verschollen. Es ist schon ziemlich spät. Keine Passanten, keine vorbeifahrenden Autos keine Möglichkeit sich irgendwie zu orientieren. Ich wiederhole nur immer wieder wie ein Gebet: „Nach Hause, Cassandra bringe mich nach Hause“.
Sie führt mich brav irgendwohin und wirkt im Unterschied zu mir absolut nicht frustriert oder entmutigt. Endlich bleibt sie stehen. Ich spüre unter den Füßen den Kiess. Jetzt verstehe ich wohin mein Hund so zielstrebig ging. Das ist der Parkplatz und hier stand das Auto von Maria. Das war Kassandra Zuhause. Es wäre dumm von mir zu erwarten, dass sie mein Haus als ihres sofort akzeptiert. Plötzlich höre ich von der Ferne jemanden, der meinen Name ruft. Unglaublich schrei ich zurück. Da kommt eine Frau angelaufen. „Frau Hackl, haben sie sich verirrt? Ich habe Sie ganz zufällig im Fenster gesehen und gedacht, vielleicht brauchen Sie Hilfe.“ Haben Sie jetzt einen Hund? Wie entzückend! Wie heißt er? Und so weiter und so fort bis sie aus mir alles ausgequetscht hat. Schlussendlich begleitet sie uns zurück zu meiner Tür. Ich bin unaussprechlich dankbar. Ein Hoch auf neugierige Nachbarinnen, die in der Nacht aus dem Fenster schauen und dann egal ob es aus Barmherzigkeit oder nur aus Neugierde nach draußen eilen. Wir beide haben etwas davon: Ich komme endlich heil nach Hause und sie kann morgen ihren Freundinnen über diese Ereignis bildlich berichten. Bei uns passiert sonst nichts.

 
 

Der erste Tag

Heute weckte mich nicht die Sonne, die die lästige Angewohnheit hat bei gutem Wetter sofort nach dem Aufgang direkt in mein Schlafzimmer erbarmungslos zu strahlen, nicht der Höllenlärm der fröhlich zwitschernden Vögel die ausgerechnet zu dieser frühen Stunde versuchen einander zu überschreien. Nein, heute weckte mich ein Gestank! Er kroch in mein Unterbewusstsein und schaltete alle Alarmglocken ein. Mein Kopf wollte das noch nicht wahrnehmen. Ich habe sehr schlecht geschlafen – erste Nacht mit Cassandra bei mir zu Hause. Die ganze Nacht horchte ich mit einem Ohr, was im Vorzimmer, wo mein Hund liegen sollte, passiert. Dort blieb alles still und friedlich. Und jetzt dieser Gestank. Von wo kommt er? Ich versuche noch ganz schlaftrunken zu verstehen. Wahrscheinlich hat Cassandra gefurzt, - beruhige ich mich selbst und probiere weiter zu schlafen. Wir sind gestern sehr spät am Abend Gassi gegangen und ich brauche mir eigentlich keine Sorgen zu machen, mindestens nicht so früh am Morgen. Im Gegenteil zur meinen Hoffnungen verschwindet der Gestank nicht sondern wird noch intensiver und unerträglicher. Es Hilft nichts. Man muss aufstehen. Wahrscheinlich ist es nicht nur harmloses Furzen. Vorsichtig gehe ich zum Schlafplatz von Cassandra. Sie selbst ist verschwunden, aber ihr Bett ist sauber. Ist das eine gute oder schlechte Nachricht? Ich rufe sie zu mir. Sie kommt nicht. Die Leckerlis in meiner Hand helfen auch nicht. Der Vorraum ist sauber und leer. Wahrscheinich ist der Ort des Geschehens das Wohnzimmer. Der Geruch kommt eindeutig aus dieser Richtung. In Gedanken verabschiede ich mich schon von meinem großen schönen Zimmerteppich, der höchstwahrscheinlich anstatt einer Wiese verwendet wurde. Dann nehme ich eine Küchenpapierrolle, lasse mich auf alle Viere nieder und taste kriechend jeden Zentimeter vorsichtig ab. Zu meinem Erstaunen ist der Teppich sauber. Von dieser sehr angenehmen Feststellung erleichtert setze ich meine Suche fort und inspiziere die nicht vom Teppich bedeckten Bodenflächen. Endlich stößt das Küchenpapier in meiner Hand auf einen ziemlich großen Haufen. Alles klar. Ich entferne es, wasche sorgfältig den Fußboden ab. Fertig. So schlimm ist es wieder nicht. Der Geruch aber ist noch nicht verschwunden. Sicherheitshalber prüfe ich die Umgebung und finde noch eine halbfeste Spur. Das ist nicht mehr lustig. Weitere Untersuchung des Bodens beschert mir noch eine Bestätigung von der Anwesenheit des Hundes. Ich beiße die Zähne zusammen. Zuerst entferne ich das ganze Missgeschick mit dem Küchenpapier und entsorge es in der Toilette und dann wasche ich den Fußboden wieder mit Essig ab. So, jetzt sollte es überall sauber sein. Und wo ist eigentlich mein Hund? Ich finde Cassandra unter dem Computertisch verkrochen. Sie liegt mit ihrem Hinterteil in einer Lacke. Ich beginne zu heulen. Zerre den Hund heraus, trockne alles halbwegs ab und beginne das Putzen von Neuem. Ob der Computer noch funktionsfähig ist, will ich sogar nicht prüfen. Endlich glaube ich, dass alles sauber ist. Cassandra liegt wieder an ihrem Platz.c Ich habe mich gewaschen, beruhigt und kann endlich meinen ersten Kaffee trinken. Es tut mir gut. Leider verschwindet der unangenehme Geruch nicht und ein Spray hilft auch nicht. Vielleicht habe ich etwas übersehen? Man muss wohl noch einmal prüfen. Ich gehe wieder zum Unglücksort und lasse mich unvorsichtig auf alle vieren nieder, ohne zuerst den Boden vor mir mit den Fingern abzutasten. Selbst schuld. Meine Knie und Hände landen gleichzeitig in einer übersehenen halbflüssigen Spur. Mit einem verzweifelten Stöhnen richte ich mich auf und eile so schnell wie es nur geht ins Bad in der schwachen Hoffnung, dass unterwegs nichts von mir abtropft. Alles an mir ist mit Hundescheiße angepatzt. Vollbekleidet gehe ich unter die Dusche und lasse das Wasser laufen, ohne mich auszuziehen. Nach einigen Minuten habe ich mich wieder im Griff. Das nasse Gewand fliegt in die Waschmaschine. Ich dusche mich gründlich. Herrlich duftend und beruhigt komme ich aus der Dusche, hole frische Kleidung und setze meine Putzerei fort. Endlich ist alles sauber. Es riecht nicht mehr übel. Der letzte Wasserkübel wird in die Toilette ausgekippt. Ich darf mich selbst auch erleichtern und setze mich nieder. Prompt plumpst mein nackter Hintern ins Wasser, was nur eins bedeuten kann, jetzt ist noch das Klo verstopft. Aber mein Vorrat an Emotionen für heute ist schon verbraucht , deshalb bleibe ich absolut ruhig und mit der Gleichgültigkeit und Selbstbeherrschung eines tibetanischen Mönches reinige ich noch das Klo und überlege was man noch putzen könnte.
Nichts gefunden gehe ich in die Küche mache mir noch einen Kaffee, trinke ihn genüsslich und denke melancholisch darüber nach, dass der Tag erst begonnen hat und dieser der erste selbstständige Tag mit meinem Hund ist.