Gute Absichten

Etwa 30 Minuten Fußmarsch von meiner Wohnung entfernt liegt der Fischlehrpfad. Er führt, wie in
allen Prospekten steht: entlang der Donau zwischen der Ortschaft Ufer und dem Kraftwerk
Ottensheim. Aber die Kenner sagen einfacher vom Griechen zum Bründl oder umgekehrt und
dabei werden zwei Gastronomiebetriebe gemeint: das Griechische Restaurant „Dionysos“ und das
traditionelle österreichische Gasthaus „Bründl im Fall". Übrigens sind beide empfehlenswert. Dieser
Pfad ist sehr bequem zum Gehen. Er ist asphaltiert und hat einen mit dem Blindenstock gut
tastbaren Rand. Für Sehende gibt es viel Wissenswertes. In die Schaukästen kann man über
heimische Fische, Krebse, Muscheln etc. nachlesen. Mich faszinieren dort immer die Geräusche,
die an einem bestimmten Platz vom Wasser kommen. Manchmal ist es nur ein leichtes Murmeln,
manchmal lautes plätschern als ob dort ein echter Wasserfall wäre. In Wirklichkeit liegen dort nur
ein paar große Steine und verursachen je nach Wasserstand verschiedene Wassermelodien.
Schön ist es aber immer. Für Cassandra ist dort auch ein Paradies. Alles ist vorhanden: Wasser,
Wald, Wiese und jede Menge verschiedener Spuren von Menschen und Tieren. Um diesen Pfad
selbstständig zu erreichen wollen wir heute trainieren. Ich bitte einen Bekannten - einen betagten
aber rüstigen Pensionisten uns zu begleiten. Er fährt langsam mit dem Fahrrad die Strecke ab.
Wir mit Cassandra laufen ihm nach. Unterwegs machen wir mehrmals Halt, um die
Orientierungspunkte für meinen Navigator einzusetzen. Alles klappt einwandfrei. Zurück gehen wir
in umgekehrter Reihenfolge: zuerst wir mit Cassandra und unser Begleiter langsam hinter uns. Als
wir die Bundesstraße erreichen, wo ich mich schon sehr gut orientieren kann, verabschieden wir
uns mit großen Dank vom unserem Helfer und er fährt im normalen Tempo nach Hause zurück.
Cassandra führt mich sicher und entspannt weiter. Plötzlich höre ich Reifen quietschen. Ein Auto
bremst abrupt in der Nähe. Jemand kommt laufend auf mich zu. Ich erstarre vor Schreck:
Wahrscheinlich sind wir unbemerkt von Gehsteig irgendwo abgebogen und marschieren jetzt ganz
locker über die Fahrbahn. “Grüß Gott, Polizei Wilhering“ vernehme ich entsetzt. Meine
schlimmsten Vermutungen scheinen sich zu bestätigen. „Wir haben einen Anruf von einer
aufmerksamen Frau erhalten“ – setzt der Polizist fort. „Sie meldete uns, dass eine blinde Frau mit
einem Hund spazieren geht und sie wird von einem sehr verdächtigen Mann auf dem Fahrrad
verfolgt. Wir wollten nur prüfen, ob mit Ihnen alles in Ordnung ist“. Ich weiß nicht muss ich lachen
oder weinen. Das Leben am Land hat wirklich eigene, manchmal eigenartige Nuancen. Man
befindet sich ständig unter Beobachtung unauffälliger Augen, die hinter einer Gardine, oder in
einem vorbeifahrenden Auto, oder in einem Garten lauern. Für mich ist das ganze eigentlich nicht
so schlecht. Hoffentlich wird jemand in einem wirklichen Ernstfall zur Hilfe kommen. Ich versichere
dem Ordnungshüter, dass mir nichts fehlt und mein vermutlicher Verfolger mein guter Bekannter
ist, den ich selbst eingeladen hatte mich zu begleiten. Wahrscheinlich glaubt der Polizist mir nicht
ganz, und nach dem Gespräch fährt er weiter in die gleiche Richtung wie auch unser Begleiter.
Meine russische Freundin pflegt immer zu sagen Ohne gute Vorsätze und Absichten anderen
Leuten wäre mein Leben zu einfach und langweilig. Ich kann ihr nur zu stimmen. auf dem
restlichen Weg ist nichts passiert, deswegen gibt es auch nicht zu berichten.

 
 

An einem anderen Tag

Wir gehen heute zu dritt spazieren: ich, meine Tochter Anna und Cassandra. Das Wetter ist schön, die Stimmung ist super. Cassandra läuft begeistert um uns herum und genießt die absolute Freiheit. –sie muss mich nicht führen und braucht nicht auf mich aufpassen. Diese Aufgabe erledigt für sie heute Anna. Wir bummeln ohne Eile entlang der Donau. Plötzlich bleibt meine Tochter wie angewurzelt stehen und flüstert leise: „Rehe, eine ganze Familie. Sie sind so schön und dann schreit sie entsetzt „Hol bitte Cassandra zurück!!““
Zu spät. Mein Hund nahm schon die Witterung auf und startet sofort wie ein Abfangjäger. Die Rehe verschwinden im Wald und Cassandra hinter ihnen. Ihr jetzt etwas zu befehlen ist sinnlos Sie hört jetzt wahrscheinlich nur den Ruf der Vorfahren, welcher sie unmissverständlich daran erinnert, dass sie eigentlich ein Jagdhund ist.
Was machen wir jetzt? Kommt Cassandra von selbst zurück oder muss man sie mit der Polizei suchen? Gott sei Dank trägt sie ihre Weste mit einem Kennzeichen für Blindenführhunde. Man kann sie dann leicht identifizieren. Während wir noch diskutieren, galoppiert unsere Schönheit schon zurück. Ich höre vom Weiten ihr Glöckchen läuten. Zum Glück bändigte ihre gute Erziehung den wilden Instinkt, oder waren vielleicht die Rehe zu schnell? Cassandra bleibt vor mir schwer keuchend stehen. Als ich versuche etwas zu sagen, schüttelt sie sich nur und weist damit dem ganzen Verdacht auf ihr unpassendes Benehmen entschieden zurück. Anschließend niest sie verächtlich noch ein paar Mal. Interessant, gilt diese Verachtung meinen Sorgen oder den Rehen, die mit ihr nicht spielen wollten.
Ja, leider sind hier die Spielkameraden rar, obwohl es an Hunden hier nicht mangelnd. Einige sind zu klein und fürchten sich vor Cassandra bis zum hysterischen Anfall, andere sind groß genug, aber dürfen nur an der Leine gehen. Und der armen Kassandra bleibt nichts anderes übrig als zu versuchen mit Enten und Rehen Freundschaft zu schließen. Bis jetzt aber ohne sichtlichen Erfolg. Wie in diesem alten Witz über den Hahn, der einer Henne nachläuft und denk: wenn ich sie nicht einhole, dann wärme ich mich mindestens auf.

 
 

Badetag

Es dauert nicht mehr so lange, bald kommen regnerische und kalte Tage. Heute ist es aber noch
trocken. Die herbstliche Sonne schenkt unauffällig ihre letzte Wärme. Das herabgefallene Laub
raschelt unter den Füßen und Pfoten. Mein „Wasserfall“ ist leiser geworden und murmelt nur noch
kaum hörbar. Es schein, alles will hier einschlafen. Nur Cassandra läuft und springt und wälzt sich
voller Freude und Enthusiasmus in den trockenen Blättern, die hier in Hülle und Fülle überall
liegen. Das Gebiet um diesen Pfad ist naturbelassen, und niemand räumt es auf. Es riecht nach
altem Holz und Pilzen. Cassandra versucht zu erschnüffeln, was alles Interessantes unter den
Blätterhaufen versteckt ist. Sie tritt auf einen unter dem Laub liegenden Ast. Das andere
verborgene Ende des Astes beginnt geheimnisvoll zu rascheln. Cassandra springt sofort dorthin,
landet wieder auf einem anderen Ast und das Spiel beginnt von vorne.
Und so bewegen wir uns immer weiter, ich melancholisch ruhig und mein Hund begeistert fröhlich.
Da kommt schon eine kleine Brücke über einen Bach, der unseren Pfad quert. Hier springt
Cassandra gewohnheitsmäßig ins Wasser. Ich höre kräftiges Platschen. Plötzlich schlägt mir ein
ziemlich übler Gestank entgegen. Was ist denn das? Hat der Bauer die Jauche auf die Felder
ausgefahren? Unangenehm ist es schon, aber nicht so tragisch, wir gehen so wie so schon weg.
Da kommt Cassandra zurück nass wie immer und bestialisch stinkend wie noch nie. Nein, das ist
keine Jauche, das ist etwas wesentlich Schlimmeres – Fisch, ein verfaulter Fisch. Was mache
ich jetzt? Cassandra versteht meine Frustration nicht. Sie ist wahrscheinlich überglücklich. So ein
interessanter Spaziergang und zum Schluss so zu sagen als Krönung des Tages - das beste
Parfüm der Welt. Ich kann nicht mehr stehen. Der Gestank ist unerträglich. Gehen wir. Vielleicht,
wenn Cassandra trocken ist, kann ich sie dann ausbürsten. Am besten wäre es sie abzuwaschen.
Aber wie bringe ich sie in meine Wanne? Bei der Einschulung mit Maria funktionierte alles
Bestens. Maria sagte nur „Hopp!“ –und Cassandra stand schon in der Wanne. Später versuchte ich
mehrere Male diese Nummer zu wiederholen. Vergeblich. Einfach Cassandra zu schnappen und
sie in die Wanne zu stellen kann ich nicht. Sie ist zu groß und zu schwer für mich und dazu wehrt
sie sich heftig. Mit dem Leckerli konnte ich sie dorthin auch nicht anlocken. Sie sprang in die
Wanne, fraß blitzschnell das Leckerli und hüpfte schon wieder heraus, bevor ich sie fixieren
konnte.
Wir sind zu Hause. Eine trockene Cassandra stinkt genauso fürchterlich wie die nasse. Ich muss
sie waschen, aber wie. Ich rufe, um zu jammern, meine russische Freundin an und bekomme
unerwartet einen guten Rat. „Was mag dein Hund am liebsten? fragt sie mich. „Fressen“ antworte
ich ohne zu zögern, „Für etwas Essbares wird sie sofort ihre Seele und mich als freiwillige Zugabe
verkaufen.
“Dann stelle ihren Fressnapf mit dem Futter in die Wanne. Lass sie dort fressen. Während sie
frisst, wirst du Zeit haben sie zu fixieren.“
Es klappt alles perfekt! Mein Gott, wie einfach! Warum bin ich nicht selbst auf diese Idee
gekommen. Cassandra lässt das waschen ohne Begeisterung aber auch ohne großen Widerstand
über sich ergehen. Das Abtrocknen mit den weichen Tüchern genießt sie doch sichtbar. Die
Reinigungsprozedur ist komplett abgeschlossen, der Gestank ist aber geblieben. Er ist nicht mehr
so intensiv wie am Anfang, trotzdem macht seine Präsenz Cassandra nicht salonfähig. Ich
beginne meinen Hund zu beschnüffeln, um die Gestanksquelle zu finden. Alles - Rücken, Pfoten,
Bauch, Brust und sogar Rute ist sauber und riecht angenehm. Dieser Gestank macht mich
verrückt! Von wo kommt er? Ach, ja, endlich Gefunden – hinter den Ohren! Wie eine echte Lady
weiß Cassandra natürlich, wohin man das Parfüm auftragen muss. Noch einmal die ganze
Waschprozedur von Anfang und zum Schluss riecht mein Hund nur nach einem nassen Hund, und
ich bin jetzt um eine Erfahrung reicher.
Aber zum Fischlehrpfad kommen wir wahrscheinlich nicht so schnell wieder.